these boots are made for wading – Teil I: Der Erste

„Movilizatión! Movilizatión! Movilizatión!“ echote es ihm entgegen. Miguel hätte sich ohrfeigen können, doch nun half nur noch eines: Rennen. Ausgerechnet an diesem Tag hatte er zum ersten Mal seit mindestens fünf Jahren verschlafen.

„Conquista! Conquista! Venganza de Martinez!“ Die Sprechchöre fuhren zur Hochform auf und er war nicht dabei. Der Rathausplatz war nun jedoch nicht mehr weit entfernt. Er hechtete um eine Häuserecke und kam gerade noch zum Stehen ehe er in das hintere Ende der versammelten Menge geprallt wäre. Einige der Umherstehenden blickten ihn irritiert an, während die meisten weiterhin gebannt in Richtung der Bühne blickten, deren Bau er schon am Vortag beobachtet hatte. Kein Geringerer als der Príncipe stand nun dort hinter dem Rednerpult und wartete, bis die jubelnde Menge wieder ruhig genug war um seine von großen Lautsprechern verstärkte Stimme nicht mehr zu übertönen.

Der Uhrzeit nach zu urteilen musste die Rede bereits seit einer Stunde laufen. Miguel konnte nur raten, was er schon alles verpasst hatte. Schwer atmend sah er sich um, ob es irgendeinen Weg gab, wie er näher an die Bühne heran kam, aber die Menschen standen viel zu dicht und er hätte schon rohe Gewalt anwenden müssen um weiter nach vorne zu kommen. Doch dank der aufgebauten Technik konnte er den Príncipe wenigstens gut hören, wenn schon kaum sehen.

„Bürger von Puerto Verde, die Zeit ist gekommen, diese neue Streitmacht ins Leben zu rufen und es ist mir daher eine Ehre, Ihnen den Mann vorzustellen, der dieser gewaltigen Herausforderung gewachsen ist: Comandante Luis Ferrer!“ Die Menge tobte und Miguel rief mit ihr seine Begeisterung heraus. Er hatte offenbar die gesamte Rede des Príncipe verpasst, aber ihm war der Comandante tatsächlich wichtiger. Ein großgewachsener Mann, der seine weißen Haare kurzgeschoren hielt und dessen Erscheinen als Urtypus des geborenen Militärs nur dadurch geschmälert wurde, dass seine rechte Schulter etwas niedriger hing als die linke und die rechte Hand stets in einen Handschuh gehüllt war. Eine Kriegsverletzung bescherte ihm diesen Makel. Und doch wirkte er in seiner passgenauen Uniform erhabener und würdevoller als der Herrscher dieses Planeten. Oder der Herrscher des halben Planeten, um genauer zu sein. Córdoba war eine geteilte Welt. Auch nach jahrhundertelangem Kampf war es noch nicht gelungen, diese gänzlich von den Besatzern zu befreien. Doch der Trend war klar: Der Feind hatte immer mehr an Boden verloren. Und dieser Mann dort auf der Bühne, der gerade dem Príncipe die Hand schüttelte und sich an dessen Stelle hinter das Rednerpult begab, würde den Traum von einem freien Córdoba wahr machen.

„Ihr könnt in den Brigaden dienen. Ihr könnt den Seestreitkräften als Matrosen zur Hand gehen. Ihr könnt auch die Flieger unserer Luftwaffe warten. All das habe ich getan.“ Miguel bemerkte, dass er die Luft anhielt und es auch sonst überraschend still geworden war. Ferrer umgab eine Aura der Authorität, die nur hohe Offiziere entwickelten und die den Adligen in der Landverwaltung gänzlich abging.

„Auch könnt Ihr die Äcker bewirtschaften und unser Volk ernähren, in der Bürokratie des Königreichs oder in den Fabriken und Minen arbeiten. All das brauchen wir zur Rückeroberung unserer Heimat. Doch ich bin hier auf der Suche nach einigen Wenigen, einer kleinen Schar Auserwählter um eine neue Einheit aufzustellen, die im nächsten Feldzug gegen die Besatzer die Speerspitze unserer Armee sein wird. Sie wird den Weg bereiten, die feindlichen Linien durchbrechen und überall dort zum Einsatz kommen, wo kein Anderer noch vorwärts kommen würde.“ Vereinzelt wurde gejubelt, doch dies war nicht der Zeitpunkt dafür. Das würde sein, wenn der erste Sieg errungen wurde.

„Nur neun Bataillone werden aufgestellt und diese werden nicht wie die Brigaden aus dem Volk rekrutiert. Nur Freiwillige und auch unter diesen nur diejenigen, die sich als fähig erweisen, werden einen Platz für sich finden. Es wird die härteste Ausbildung, die je eine militärische Einheit des Königreichs durchlaufen hat. Nur wer diese übersteht, erringt das Recht, eine solche Uniform zu tragen, wie ich sie trage. Und nur wer diese Ausbildung übersteht, erringt auch das Recht, sich voller Stolz Marineinfanterist zu nennen!“ Diesmal brandete der Jubel durch die Versammelten, doch Miguel hielt es noch immer nicht für angebracht. Er wollte es sich wirklich für den Sieg aufheben. Den Sieg, an dem er als Marineinfanterist mitwirken würde.

„Jedem steht es frei, sich für die Marineinfanterie zu melden. Heute ist der erste Tag der Einschreibung. Im Postbüro hinter Ihnen wurde unsere Rekrutierungsstelle eingerichtet und wird noch…“ Miguel hörte den Rest des Satzes nicht mehr, denn er drehte sich um und hätte vor Freude darüber, heute verschlafen zu haben, schreien können. Durch seine Position im hintersten Bereich der Menge stand er nur wenige Schritte vom Eingang des Postbüros entfernt. Seine Füße trugen ihn wie von selbst über die Schwelle. Zwei Unteroffiziere der Seestreitkräfte saßen hinter einem Tisch und sahen zu ihm auf. Hinter einem Tresen stand eine Frau im grünen Hemd der königlichen Post. Ansonsten war das Postbüro leer. Er war der Erste. Der erste Freiwillige, der sich für die Marineinfanterie meldete.

One thought on “these boots are made for wading – Teil I: Der Erste”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.