these boots are made for wading – Teil II: Die Schlammgrube

Comandante Ferrer hatte mit wenigstens einer seiner Ankündigungen nicht übertrieben. Außer ihm selbst, der dieses Privileg vom König erhalten hatte, durften nur diejenigen die neue Uniform der Marineinfanterie tragen, welche auch die entsprechende Ausbildung durchlaufen hatten. Da die Einheit gerade erst aus dem Boden gestampft wurde, hatte dies zur Folge, dass die Ausbilder sich in einer Mischung aus Uniformen der Brigaden und der Seestreitkräfte präsentierten. In dem Teil des Trainingsparcours, in dem sich Miguel gerade befand, waren jedoch zur Zeit nur Unteroffiziere der Brigaden anwesend. Und für Miguel hatte es den Eindruck als würden diese die Marineinfanterie nicht aus dem Boden sondern die Rekruten in selbigen stampfen wollen.

Natürlich hatte er von den klischeehaften Ausbildungsmethoden der Brigaden gehört. Dazu gehörte auch andauerndes Robben durch Schlammgruben. Unter Stacheldraht hindurch. Doch entweder war das wirklich nur ein Klischee aus Filmen und Büchern oder man hatte sich für die Marineinfanterie etwas Neues ausgedacht. Über ihm hing kein Stacheldraht sondern die mit Stahlträgern fixierte Wanne eines ausgemusterten Panzers. Eine Kette war gesprengt und hing von den Laufrollen herab bis in den Schlamm, die zweite dagegen war noch äußerst intakt und rotierte mit ohrenbetäubendem Lärm.

Letztlich machte es keinen Unterschied. Durch die Schräglage des Panzers hing die laufende Kette sogar ein wenig höher als die Laufräder auf der anderen Seite. Und dort war er gerade schon ohne anzustoßen hindurchgekrochen. Rein objektiv war es hier also sogar einfacher. Doch seine Sinneseindrücke erlaubten ihm nicht, in dieser Situation einen objektiven Gedanken zu fassen. Dennoch musste er weiter. Er war der erste Marineinfanterist. Zumindest, wenn man Comandante Ferrer außer acht nahm. Auch bislang hatte er sich gut geschlagen. Er war schon immer sportlich gewesen, weniger im Bereich der Muskelkraft, dafür jedoch stark in der Ausdauer. In der ersten Ausbildungswoche lag der Schwerpunkt auch auf Ausdauertraining. Marschieren, Laufen, Formaldienst, Schwimmen, Meldung machen, Stiefel putzen. Aber das Lauftraining hatte die meiste Zeit in Anspruch genommen. Seit der zweiten Woche wuchs jedoch der Anteil des Krafttrainings. Liegestütze, Situps, aber auch Übungen an Sportgeräten.

Miguel bemerkte, dass er gedankenversunken immernoch vor der Panzerkette verharrte. Hinter ihm ertönte die dröhnende Stimme von Sargento Aguirre. Aufgrund des Lärms konnte Miguel kein Wort verstehen, doch die Intention wurde ihm auch so klar. Er schloss die Augen und riss sich zusammen. Genau wie er es gelernt hatte, robbte er durch den Schlamm, vorsichtig das geschnitzte Holz vor Verschmutzungen bewahrend. So früh in ihrer Ausbildung wollte ihnen noch niemand echte Waffen mit auf die Schlammpiste geben. Nur für die unzähligen Wiederholungen des Zerlegens und Zusammensetzens sowie bei den bislang sehr spärlichen Schießübungen bekamen sie diese in die Hand. Dennoch wurde auch der Umgang mit den Holzattrappen penibel kontrolliert. An kritischen Stellen wie der Mündung oder dem Patronenauswurf waren weiße Streifen Filterpapier aufgeklebt. Auch wenn man versuchte, Schlammspritzer von dort wieder wegzuwischen, war das eindeutig zu erkennen und es handelte jedem Rekruten Extrastunden von Gewehrreinigung ein, wenn man mit etwas Anderem als strahlend weißem Papier zurückkehrte.

Miguel schaffte es unter der Kette hindurch, aber sein Vorsprung war durch sein Zögern deutlich geschrumpft. Luis (was maß sich dieser Kerl eigentlich an, denselben Vornamen wie der Comandante zu haben?), war dicht hinter ihm und machte kein langes Gespiele um die rotierende Panzerkette. Noch war jedoch Miguel die Nummer Eins. Andere stemmten größere Gewichte oder erzielten bessere Ergebnisse beim Schießen, doch hier draußen im Gelände und beim Ausdauerlaufen machte ihm keiner etwas vor. Bis auf vielleicht Luis, der auch eher ein Langstreckenläufer war.

Irgendein besonders grausamer Ausbilder musste mal einen ganz besonders üblen Tag gehabt haben als ihm aufgetragen worden war, diese Strecke zu planen. Nicht nur der aufgebockte Panzer mit seiner laufenden Kette war ein Zeugnis dieses Sadismus sondern auch die Tatsache, dass auf die Schlammgrube das Sandloch folgte. Jeder Rekrut, der diese beiden Abschnitte absolviert hatte, sah aus wie frisch paniert.

Die Art und Weise, wie man das Sandloch zu durchqueren hatte, sprach über die böse Absicht dahinter Bände. Miguel legte sich quer auf den Boden und rollte sich seitlich die nachgebaute Stranddüne hinab. So erhielt er eine allumfassende Rundumschicht aus feinem weißem Sand. Weiter ging es dann entlang des ebenfalls nachgebauten Ufers. Ein wassergefüllter Graben in der Breite einer Baggerschaufel sollte den Ozean darstellen. Der Uferstreifen war dagegen näher am Original. So versank Miguel tief im feuchten Sand während er versuchte, seinen Vorsprung vor Luis wieder zu vergrößern.

Sie beide erreichten den Wendepunkt weit vor allen anderen aus ihrer Kompanie. Eine Unteroffizierin der Seestreitkräfte notierte dort ihre Zeiten auf einem Klemmbrett, doch sie hetzten dessen ungeachtet weiter. Kraftreserven mobilisierend beschleunigten sie um es nun die Düne einfacher hinauf zu schaffen. Wieder war Miguel nur wenige Schritte vor Luis.

Der Rückweg des Parcours verlief ein wenig anders. Statt ein zweites Mal unter dem Panzer hindurchzukriechen, bekamen sie nun die Gelegenheit, sich wieder eines Teils des angesammelten Schmutzes zu entledigen. Zumindest für Miguel und Luis war dies eine solche Gelegenheit. Nachdem die gesamte Kompanie durch dieses Becken geschwommen war, wäre es optisch kaum noch von der Schlammgrube zu unterscheiden.

Miguel zögerte jedoch. Aus dem Augenwinkel hatte er gesehen, wie sich Sargento Aguirre vor dem aufgebockten Panzer bückte und gegen den Lärm anschrie. Im nächsten Moment fiel Miguel auch auf, dass außer ihm und Luis offenbar noch kein Weiterer an diesem Hindernis vorbeigekommen war. Sie beide waren zwar die besten Läufer, aber sie waren noch niemals so viel besser gewesen. Auch wenn er wusste, dass Luis ihn gerade einholte, blieb er stehen und bückte sich ebenfalls um unter den Panzer blicken zu können. Er befürchtete schon einen Unfall, aber es war etwas Anderes.

Ein Rekrut, der unter all dem Schlamm in seinem Gesicht nicht mehr zu erkennen war, lag mitten unter dem Panzer zusammengerollt. Hinter ihm sammelten sich die Übrigen der Kompanie, die aufgrund der Enge nicht an dem zitterndem Nervenbündel vorbei konnten. Miguel erinnerte sich an den Schreckmoment, als auch er an dieser Stelle innegehalten hatte. Luis bückte sich neben ihm und folgte seinem Blick anstatt die Chance zu nutzen und die Führung zu übernehmen. Sie sahen sich an und gingen gemeinsam zur Schlammgrube zurück. Sargento Aguirre bemerkte, immernoch auf den Rekruten unter dem Panzer einschreiend, ihr Nahen überhaupt nicht. Daher wirkte der sonst so unerschütterlich erscheinende Ausbilder plötzlich sehr erschrocken und damit beinahe so etwas ähnliches wie menschlich als Miguel und Luis neben ihm auftauchten.

Miguel gab Luis seine Waffe und legte sich mit einem unhörbaren Seufzer wieder in den Schlamm. Seine Schmutzkruste bekam damit eine weitere Schicht. Von seiner Uniform war schon kein Stück mehr zu sehen, als er den zusammengekauerten Kameraden erreichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.