these boots are made for wading – Teil XVI: Die Gnade (letzter Teil!)

Der Paradeplatz war von allen Trümmern befreit worden. Vor allem die Sprengung des Munitionsdepots hatte deutliche Spuren hinterlassen, viele Gebäude waren noch immer einsturzgefährdet oder mussten provisorisch gestützt werden bis alles, was noch zu gebrauchen war, daraus geborgen werden konnte. Man würde den Stützpunkt fast komplett neu aufbauen müssen. Selbst Wasserrohre waren geplatzt und Stromleitungen unterbrochen. Die noch nicht vollends geräumten Bereiche sahen noch immer wie ein Schlachtfeld aus. Und dabei hatten sie all das sich selbst angetan. Der Feind war nie auf diese Kaserne zumarschiert. Sie waren nie ernsthaft bedroht worden. Aus Angst hatten sie dem Feind nur verbrannte Erde hinterlassen wollen.

Dasselbe Schicksal hatte auch Puerto Rojo getroffen. Der Feind war mit zwei Kompanien auf den Hafen marschiert. Die Flotte verließ den Hafen, die Brigade zog ab und als der Feind die Stadt einnahm, war es ihre eigene Luftwaffe, welche die Depots im Hafen in Schutt und Asche legten. Zwar hatte es hier auch dem Feind Verluste bereitet, man fand einen übel zugerichteten Warhammer und einen unter einem Gebäude vergrabenen Centurion. Eine noch nicht identifizierte Maschine lag weiterhin im Hafenbecken und verhinderte die Rückkehr der Flotte.

Man hatte die Schleusen der Kanäle gesprengt um den Vormarsch des Feindes zu den Minen zu verlangsamen. Doch der Feind hatte es garnicht erst versucht. Es war keine großangelegte Offensive sondern nur ein kurzer Überfall gewesen. Dennoch waren die Zerstörungen und Schäden massiv. All diese zu beseitigen würde Monate oder Jahre dauern.

Die Nutzbarmachung des Paradeplatzes hatte jedoch Priorität gehabt. Eine Wasp und ein Stinger wachten an gegenüberliegenden Enden über das Geschehen. In der Mitte des Platzes stand wie schon einmal als Miguel hierher beordert wurde, eine hölzerne Bühne. Diesmal waren jedoch deutlich weniger Soldaten angetreten um das kommende Spektakel mitzuerleben. Die übrigen waren noch im Einsatz zur Beseitigung der Schäden auf dem Kasernengelände.

Wieder war Miguel von zwei grimmig blickenden Soldaten flankiert und ging seinem Schicksal entgegen.

 

Zur gleichen Zeit betrat Amir kabir Mahmud Abdul Abd Al-Aziz Suleiman die Sonnenhalle im Südflügel des Regentenpalasts. Der hohe Raum machte seinem Namen alle Ehre. Selbst im Winter wurde es hier im hohen Norden Córdobas nie wirklich kalt und auch bei tiefstehender Sonne brauchte es kein künstliches Licht um die Kalligraphien auf den Seidenbannern, die von der Decke hingen, lesen zu können. Die dicken Teppiche schluckten zudem das Geräusch seiner Stiefel.

Sein Gastgeber oder vielmehr dessen Majordomus hatte sicherlich genau darauf geachtet, dass für Mahmud kaum eine Gelegenheit geschaffen werden konnte, diesen Frieden zu stören. Dabei legte es Mahmud, der als Heißsporn verschrien war, überhaupt nicht darauf an. Jedenfalls nicht so, wie man es von ihm erwartete.

Sein Erscheinen wurde den Anwesenden angekündigt. Zuhören würden sie ihm zumindest, das war ihm gewiss. Sein militärischer Rang hatte ihm ein solches Privileg jedoch nicht verschafft, auch wenn es zumindest innerhalb der Streitkräfte angesehen war, eine Kommandoeinheit zu befehligen.

„Mahmud!“ begrüßte ihn der Regent mit einem präzise kalkulierten Maß an Herzlichkeit. Man durfte keinen Streit in die Öffentlichkeit tragen und sollte ihm dennoch klarmachen, dass er sich hier nicht alles erlauben durfte. Mahmud trat bis auf zehn Schritte an den Regenten heran, verbeugte sich kurz und erwiderte:

„Vater.“

 

Das Holz knirschte unter Miguels Schritten. Die Bühne war offensichtlich in Hast und ohne besondere Sorgfalt errichtet worden. Lediglich ein spezieller Aufbau war sehr stabil gezimmert worden.

„Cabo Mayor Miguel Terraza!“ erschallte die Stimme Major Rojos. Ausgerechnet er. Miguel konnte es nicht fassen, dass es ausgerechnet Rojo war, dem dieser Tag gehörte.

„Wegen Feigheit vor dem Feind, Beleidigung eines Offiziers in besonderer Schwere, Versagens als Soldat und in der Befehlsposition eines Unteroffiziers der Streitkräfte des Königreichs wurden Sie zum Tode am Strick verurteilt. Ihnen wurde das Recht auf letzte Worte abgesprochen.“ Miguel war sich sicher, dass Rojo selbst dafür gesorgt hatte, dass er nun einen Knebel tragen musste und seine Hände auf dem Rücken gefesselt waren. So konnte Miguel nicht noch hier vor seinem gesamten Bataillon hinausrufen, dass Rojo die Flucht ergriffen hatte als es hieß, die Kaserne wäre bedroht. Stattdessen hatte man ihm dies als Beleidigung eines Offiziers ausgelegt. Nicht, dass er nicht bereits wegen Feigheit vor dem Feind zum Tode verurteilt hätte werden können. Aber für diesen Punkt war die Beweislage zu dünn gewesen.

Miguel war der einzige Überlebende gewesen. Und ja, er hatte nicht abgedrückt als er die Gelegenheit gehabt hatte. Und ja, er hatte auch Angst gehabt. Nein, es war mehr als das. Er war in Panik geraten und diese hatte ihn beinahe zu Tode gelähmt. Er hatte versagt, das wusste niemand besser als er selbst. Und doch war nicht Feigheit der Grund gewesen, weswegen er nicht abgedrückt hatte.

 

„Berichte uns von Deinem Einsatz“, sagte der Regent und machte eine weit ausholende Geste, welche die versammelten Würdenträger und hohen Beamten mit einschloss.

„Wie Du wünschst“, antwortete Mahmud und drehte sich langsam von seinem Vater weg.

„So wie ich nun all Euch Ehrwürdigen in die Augen sehe, so habe ich dem Feind in die Augen gesehen.“ Ein empörtes Raunen ging durch die Menge, aber Mahmud störte sich nicht daran. Er hatte es so beabsichtigt. Er musste sie zuerst wachrütteln.

„Wie lernen wir den Feind kennen? Als ein rücksichtsloses Tier ohne Gefühle, ohne Skrupel und auf nichts anderes bedacht als uns aus unserer Zuflucht zu vertreiben.“ Er klatschte die Hände zusammen und zeigte den Versammelten seine Handflächen.

„Das Blut meiner Feinde klebt nicht mehr an meinen Händen. Doch ich habe getötet. Meine Einheit begegnete einem feindlichen Stoßtrupp. Es waren nicht mehr Soldaten als heute hier Menschen in dieser Halle stehen.“ Das war wichtig. Er musste eine Verbindung zwischen diesen weltentfremdeten Adligen und ihrem Feindbild schaffen.

„Wir machten sie beinahe alle nieder. Sie hatten keine Chance gegen uns. Einer nach dem anderen fiel und wir verloren keinen einzigen Mann.“ Einige begannen zufrieden zu grinsen. Das war mehr nach ihrem Geschmack.

„Ich selbst näherte mich vorsichtig den Getöteten um nach Überlebenden zu suchen. Und ja, einer von ihnen hatte überlebt. Er bemerkte mein Kommen und überraschte mich.“ Mahmud führte einen Finger zwischen seine Augen.

„Hier berührte mich seine Gewehrmündung. Keiner meiner Männer war nahe genug um mir helfen zu können. Ich war ihm völlig ausgeliefert. War dies nicht der Feind? War ich nicht sein Feind? Habe ich nicht den Befehl gegeben, all seine Kameraden zu töten und einige von ihnen selbst getötet? Hätte er, dieses gefühllose Tier, nicht allen Grund gehabt, mein Leben zu nehmen und Rache zu nehmen?“ Der Regent blickte vorwurfsvoll zu ihm herab, doch die übrigen hatte Mahmud gefangen.

„Doch was tat er? Er senkte seine Waffe und ließ mich gehen. Ich stünde nicht vor Euch Ehrwürdigen, wenn es nicht dieser Soldat gewesen wäre, der trotz allem noch dazu fähig war, mich zu verschonen.“ Mahmud war immer leiser geworden, damit die Versammelten ihm aufmerksam zuhören mussten. Er ließ seine letzten Worte noch einen Moment wirken ehe er wieder mit lauter und fordernder Stimme, wie man sie auch von seinem Vater kannte, wenn er eine seiner Reden hielt, fortfuhr:

„Ehrwürdige! Wie können wir diese Menschen weiterhin bekämpfen, wenn in ihnen ein so großes Herz schlägt? Wie können wir nicht ein ebenso großes Herz haben und diesem ewigen Krieg nicht ein Ende bereiten? Die Kastillianer sind bereit, dem Töten zu entsagen! Auch wir müssen zeigen, dass wir dazu fähig sind und dem König von Nueva Castile ein Friedensangebot schicken! Und lasst es den Namen desjenigen tragen, der mich, der uns alle diese Lektion gelehrt hat: Cabo Mayor Terraza!“ Mahmud war froh, in jenem Moment genügend Geistesgegenwart besessen zu haben, sich das Rangabzeichen und das Namensschild des feindlichen Soldaten einzuprägen.

 

„Ein Friedensangebot? Ist das echt?“ Der Comandante konnte es nicht glauben. Er hatte bis vor wenige Sekunden noch Schadensberichte und Verlustmeldungen durchgelesen. Sein Schreibtisch war übersät damit und dabei war der Überfall der Umayyad-Truppen noch nicht lange vorüber und die Berichte betrafen ausschließlich die Marineinfanterie. Nun war er in einer Ferngesprächskonferenz mit den Kommandierenden der anderen Teilstreitkräfte auf Córdoba sowie den Ministern der planetaren Regierung.

„Wenn es echt ist, Luis, haben wir es allein einem Deiner Männer zu verdanken, Luis!“ Ferrer stutzte.

„In der Nachricht heißt es, ein Cabo Mayor der Marineinfanterie namens Terraza habe den Sohn des hiesigen Regenten verschont und diese Geste der Gnade habe sie dazu bewegt, mit uns Frieden zu schließen.“ erklärte der Oberkommandierende der Seestreitkräfte.

„Der Mann verdient einen Orden!“ kam es aus dem Hörer, doch Ferrer konnte die Stimme nicht zuordnen. Er hielt das Mikrofon zu und rief nach seinem Adjutanten. Dieser hielt schon die nächsten Berichte in der Hand als er zur Tür hereintrat.

„Ich werde Nachforschungen nach diesem Terraza anstellen“, gab er an die Konferenz weiter.

„Suchen Sie mir Cabo Mayor Terraza und bringen Sie ihn her, sobald Sie ihn gefunden haben!“ wies er seinen Adjutanten an. Dieser salutierte, legte die Berichte ab und verließ das Büro wieder. Die Konferenz ging indes weiter, wobei das Gesprächsthema zu den Details des Friedensvertrags überging. Grenzverläufe, Hoheitsgewässer, Nutzungsrechte von Grenzflüssen. Ferrer schweifte mit seinen Gedanken ab. Hier wurde es ihm wieder zu unangenehm politisch und juristisch. Auch wenn er sich den Hörer weiterhin ans Ohr hielt, zog er sich mit seiner versehrten Hand die neuesten Berichte heran. Sein Herz blieb beinahe stehen, als er einen ersten Blick darauf warf.

 

„Die Antwort ist eingetroffen!“ Mahmud und sein Vater hatten trotz widersprüchlicher Meinungen zu ihrem Friedensangebot gemeinsam auf genau diesen Moment warten wollen. Der Bedienstete, der die Nachricht hereinbrachte, verbeugte sich vor beiden und übergab dann das Schriftstück dem Regenten. Dessen Augen huschten über die Zeilen. Mit ernstem Blick reichte er das Blatt dann an seinen Sohn weiter.

Mahmud war entsetzt. Er hatte so viele Hoffnungen in diese Sache gesteckt und nun war alles zunichte.

„Mahmud, Du magst es mir nicht glauben, aber auch mein Herz hast Du berührt. Und ich will Dich nur ungern belehren, aber sieh Dir diese Zeilen gut an. Sie sagen aus, was wirklich hinter dem Feind steckt. Du bist dort auf dem Schlachtfeld einem wie Dir begegnet. Einem, der Großmut besitzt, der nach seinem Gewissen entscheidet und wie Du es richtig sagtest, ein großes Herz hat. Hier aber siehst Du, dass dieser eine Soldat nur eine Ausnahme war und dass der Feind in seiner Gesamtheit wirklich das ist, als das wir ihn schon immer kannten. Ein riesiger Moloch, der uns und unsere Lebensart zu zerstören sucht. Ein einzelner von ihnen mag Gnade kennen, in ihrer Summe tun sie es nicht. Und darum konnten sie auch nicht zulassen, dass einer, der einen der Unsrigen verschont, seinerseits verschont wird. Deshalb und nur deshalb haben sie ihn gehängt. Deshalb endete das Leben dieses Cabo Terraza am Galgen.“

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