Das Land der roten Rosen – Teil II: Die Ratte

Lyranische Todeszellen besaßen wahrlich ihren eigenen Charme. Von den wenigen Menschen, die um ihre Existenz wussten, konnten dies jedoch nur jene zu schätzen wissen, die eine solche mehr als einmal verlassen durften.

Die Haftbedingungen bewirkten jedoch einen überaus hohen Grad an Kooperation der Gefangenen, wenn deren letzte Stunde geschlagen hatte. Bei dem heutigen Kandidaten hatten jedoch selbst die langjährigen Gefängniswärter Sorgen, dass es anders kommen würde. Natürlich hatten sie es hier immer mit Schwerstverbrechern zu tun. Die meisten waren Psychopathen, hatten mehrere Morde begangen, oft mit unglaublicher Brutalität. Manche waren Terroristen, die Bombenanschläge verübt hatten oder sogar Polizei und Militär direkt angegriffen haben um deren Ausrüstung zu stehlen. Doch von allen derzeitigen Insassen passte nur einer in all diese Kategorien.

Schöffen verfolgte die Schritte dieses Mannes, den man aus für ihn unerfindlichen Gründen >die Ratte< nannte, über einen Bildschirm aus sicherer Entfernung. Noch befand sich der Sträfling tief im Innern des stillgelegten und in ein Hochsicherheitsgefängnis umgewandelten Salzstollen, verließ jedoch gerade in Begleitung von sechs Wärtern seine Zelle. Man hatte Schöffen darüber informiert, dass keine der Wachen eine Waffe bei sich trug, damit der Insasse keine Gelegenheit bekam, sich eine anzueignen. Zwei der Männer hielten jedoch Gasgranaten mit gezogenen Stiften in den Händen. Sollte einer von ihnen überwältigt werden oder es als notwendig erachten, würde ein schnell wirkendes Betäubungsgas sowohl den Sträfling als auch die Wärter außer Gefecht setzen. Schöffen hatte sich bei dieser Erklärung gefragt, wieso man die Ratte nicht direkt betäubte und bewusstlos transportierte, aber keine befriedigende Antwort erhalten.

Er warf einen Blick auf die Uhrzeit und erkannte, dass es noch mehrere Minuten dauern würde, bis es für ihn wirklich losgehen würde. So nutzte er die Zeit und verließ den gepanzerten Transporter um noch ein wenig Frischluft zu schnappen. Im warmen Sonnenlicht stehend bildete er sich ein, das Salz riechen zu können. Über dem Eingang zur Schachtanlage prangte in kapitalen Lettern der Name des einstigen Bergwerks. Zunächst hatte er gedacht, es sei eine besonders zynische Anspielung auf das Gefängnis, doch man hatte ihm mitgeteilt, dass dieser Name bereits vor der Einrichtung der Todeszellen vergeben worden war. Bevor sich Schöffen weitere Gedanken darüber machen konnte, trat jedoch Marcel Leuterbach an seine Seite.

“Herr Schöffen, wir wurden angewiesen, an die Schleuse zu fahren.“

“Jetzt schon?“

“Der Gefangene wurde gerade in den Aufzug gepackt. Wir sollen an der Schleuse stehen, bevor sie oben sind.“ Schöffen nickte und begleitete Leuterbach zurück zu dem gepanzerten Fahrzeug. Es erinnerte ihn an einen Geldtransporter, nur dass die Hecktüren hier nicht nur vor einem Aufbrechen von außen sondern auch von innen geschützt waren. Schöffen setzte sich auf den Beifahrersitz und ließ Leuterbach den Wagen an die richtige Stelle fahren. Das Verladen von Gefangenen geschah grundsätzlich nicht über den Haupteingang sondern über eine Sicherheitsschleuse an der Seite des Gebäudes. Die Fahrt dorthin war alles andere als komfortabel. Um zu verhindern, dass bei einem Ausbruch ein Fluchtfahrzeug schnell von diesem Ausgang aus entkommen konnte, waren unzählige Bremsschwellen über die Einfahrt verteilt installiert und durch das Gewicht der Panzerung waren die Stoßdämpfer des Transporters ohnehin schon stark beansprucht.

Wie ein kleines Boot auf hoher See schwankend näherten sie sich rückwärts fahrend der Schleuse. Als sie unmittelbar davor stoppten meinte Schöffen, dass sie noch immer eine leichte Schräglage hatten.

 

– – –

 

Tom Bassey atmete tief ein und genoss es, zum ersten Mal seit fast einem halben Jahr Luft in die Lungen zu bekommen, die nicht den Beigeschmack von Steinsalz und dem immer wieder in den Stollen eindringenden Erdgas mit sich trug. Es war jedoch auch leider nicht der Duft der Freiheit, den er nun in der Nase hatte. Er roch die Abgase des Transporters, der ihn abholen und zu seiner Hinrichtungsstätte bringen sollte, als sich die äußeren Türen der Sicherheitsschleuse vor ihm öffneten. Das Innere des Fahrzeugs hatte etwa die Maße seiner Zelle, war jedoch noch spartanischer ausgestattet. Sitzbänke zu beiden Seiten und eine solide Stahlklammer am Boden. Man wies ihn an, seine Füße auf die beiden markierten Flächen zu stellen, damit sich die Klammer um seine Fußfessel schließen konnte.

Jeder seiner Schritte hinterließ feuchte Stellen. Er war im Stollen in eine Pfütze Grundwassers getreten, das dort aus einem Spalt einsickerte. Durch die Fußfesseln konnte er nur quälend kurze Schritte gehen und hatte anders als seine Bewacher nicht einfach über das Wasser hinwegsteigen können. Bassey spannte seine Schultermuskeln an und brachte seine Armfesseln zum Knirschen. Man hatte ihm sicherheitshalber gleich zwei Paar Handschellen angelegt. Eines um die Handgelenke und ein weiteres um die Ellenbogen. Dadurch musste er die Arme in einer sehr verkrampften Haltung auf dem Rücken lassen und er konnte so auch durch keinen Trick seine gefesselten Arme nach vorne bringen.

Mit einem Klacken verriegelte die Klammer. Kurz darauf schlossen die Gefängniswärter die Hecktür des Transporters. Er stand einen Moment in einer so perfekten Dunkelheit wie in seiner Zelle, wenn dort das Licht gelöscht wurde, dann flammten einige hinter bruchsicherem Plexiglas geschützte Lampen auf.

“Setzen Sie sich, wir fahren los“, drang eine männliche Stimme aus einem verborgenen Lautsprecher. Mit den Armen auf seinen Rücken gezwungen fand er kaum Platz auf der schmalen Sitzbank. Die raue Fahrt tat ihr Übriges, es ihm unangenehm zu machen. Irgendwann hörte der Wagen jedoch auf, ständig zu schaukeln und eine andere Stimme ertönte aus dem Lautsprecher.

“Mister Bassey, Sie werden mir voraussichtlich nicht glauben, was ich Ihnen zu sagen habe, doch hören Sie mir aufmerksam zu. Zu allererst: Ich werde Sie vor die Wahl stellen, ob diese Fahrt wirklich mit Ihrer Hinrichtung enden wird oder ob Sie stattdessen einen Job annehmen, bei dem Ihre Fähigkeiten voll zum Tragen kommen. Selbstverständlich können Sie nicht damit rechnen, dafür ein Entgelt zu erhalten. Stattdessen bekommen Sie nicht nur Ihr Leben verschont sondern auch noch Ihre Freiheit geschenkt. Bedingung dafür ist jedoch, dass sie anschließend nie wieder in die Innere Sphäre zurückkehren. Ich weiß um Ihre Beziehungen zu verschiedenen Piraten in der Peripherie und dass Sie auch dort unterkommen könnten. Wenn Sie meinen Auftrag annehmen, werden Sie nach Abschluss auf einem Planeten Ihrer Wahl abgesetzt. Als Zeichen guten Willens werde ich nun die Fußklammer entriegeln. Unter dem Polster der gegenüberliegenden Sitzbank finden Sie darüber hinaus die Schlüssel für ihre Fesseln.“

 

– – –

 

Schöffen nahm den Finger von der Sprechtaste und betätigte den Schalter für die Fußklammer. Es würde nicht lange dauern, bis sich Bassey, die Ratte, befreit hatte. Eine Kamera zeigte ihm, wie sich der muskulöse Riese zunächst der Arm- und dann der Fußfesseln entledigte. Keine Minute später jedoch zeigte der Übertragungsmonitor nichts mehr an.

“Hat er die Kameralinse zerschlagen?“ fragte Schöffen an Leuterbach gerichtet. Dieser verzog jedoch angewidert das Gesicht.

“Nein, die sitzt hinter Sicherheitsglas. Und genau das hat er vollgeschmiert.“

“Womit denn?“

“Sie sollten ihm nicht die Hand schütteln“, riet Leuterbach anstelle einer Antwort und tat so als müsse er sich voll und ganz auf die gerade und verkehrslose Straße konzentrieren. Schöffen ging nicht weiter darauf ein sondern nahm das Mikrofon wieder in die Hand und drückte die Sprechtaste erneut. Er redete weiter auf Bassey ein, versuchte diesem glaubhaft zu machen, dass er ihn nicht nur dazu verleiten wollte, unentlarvte Komplizen zu verraten und wie man seine Hinrichtung vortäuschen würde. Ohne die Kamera war es für Schöffen jedoch unmöglich zu sagen, ob seine Worte irgendeine Wirkung hatten.

Schöffen erklärte, was am Ende dieser Fahrt geschehen und wie man mit einem Fluchtversuch umgehen würde. Zuletzt führte Schöffen aus, welche Qualitäten es waren, wegen denen er Bassey in seinem Team benötigte. Der Pirat war an einem der brutalsten Banküberfälle der Geschichte beteiligt. Von den Bankangestellten überlebte keiner, von den Sicherheitsleuten nur einer schwerverletzt. Sieben Polizisten wurden bei der Flucht getötet. Erst der Einsatz einer Mechkompanie und die Zerstörung des Landungsschiffs der Piraten konnten verhindern, dass sich die Räuber und Mörder mit ihrer Beute, Diamanten im Wert von über 70 Millionen Kronen, absetzen konnten.

Fünf der Piraten konnten sich in ein unzugängliches Moor zurückziehen, in das ihnen die Mechs nicht folgen konnten. Doch von diesen fünf tauchte nur Bassey wieder auf und konnte, nachdem er zehn Soldaten erschossen hatte, als einziger Mittäter verhaftet werden. Etwa ein Zehntel der Diamanten hatte er bei sich getragen, ein weiteres Drittel wurde bei anderen getöteten Piraten gefunden, der übrige Teil gilt noch immer als verschollen.

Schöffen brauchte Bassey weniger wegen dessen Fähigkeiten im Umgang mit Waffen sondern vor allem wegen seiner Beziehungen in der Peripherie und seiner Erfahrung im Überleben in unwirtlichen Gebieten. Seine Kameraden waren durch giftige Tiere zu Tode gekommen oder hatten unsauberes Wasser getrunken und waren an den dadurch ausgelösten Krankheiten gestorben. Bassey jedoch hatte es irgendwie geschaft, wochenlang in diesem Moor durchzuhalten ehe ihn doch ein Suchtrupp aufspürte. Darüber hinaus war es auch gerade die kriminelle Energie und die Skrupellosigkeit dieses Gesetzlosen, die Schöffen gebrauchen konnte. Um Sicherheit gewährleisten zu können, brauchte er jemanden, der wusste, wie man Schutzmechanismen und dergleichen umging.

Wenn man Bassey kontrollieren konnte, wäre er eine unwahrscheinliche Bereicherung für Schöffens Mannschaft. Um ihn unter Kontrolle halten zu können, hatte er bereits weitere, nur halb so zwielichtige, Personen angeheuert. Söldner. Dazu auch noch einige vertrauenswürdigere Experten ziviler Sicherheitsfirmen und zuletzt noch zwei persönliche Leibwächter, die Schöffen aus den konzerneigenen Personalressourcen bezogen hatte, Marcel Leuterbach und Eugen Deutinger. Darüber hinaus natürlich all jene Fachkräfte, die er für den eigentlichen Job benötigte.

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