Das Land der roten Rosen – Teil III: Kap Arkona

Auch ohne Transitdesorientierungssyndrom waren für Schöffen längere Raumreisen unerträglich. Und es würde von nun an noch schlimmer werden. Nachdem sie die Daniela, das komfortabel ausgestattete Landungsschiff der Monarch-Klasse mit dem sie die ersten drei Sprungetappen gereist waren, gegen ein uraltes Danais ausgetauscht hatten, dem Gerüche anhafteten die Schöffen bis dahin nicht gekannt hatte, mussten sie nun auch das Sprungschiff wechseln. Und im Gegensatz zu dem riesigen Star Lord hatte die Waidmann als Schiff der Merchant-Klasse kein GravDeck.

Mit einem Klopfen kündigte sich die nächste Unangenehmheit an. Schöffen ließ bewusst einige Sekunden verstreichen, richtete seine Krawatte und sicherte diese mit einer goldenen Krawattennadel. In der momentanen Schwerelosigkeit wäre die rote Seide ansonsten unkontrolliert umhergedriftet. Auch den Gurt, der ihn auf seinem Stuhl hielt, zurrte er noch einmal fester. Es klopfte erneut. Er würde sich niemals an die schlechten Manieren seiner Reisegefährten gewöhnen. Mit einem Seufzen dachte er daran, dass sie noch nicht einmal an ihrem Ziel angekommen waren und ihm anschließend noch die Rückreise mit diesen Leuten in diesem engen Schiff bevorstand. Er war auf sie angewiesen. Besonders auf diesen Gast. Er betätigte den Türöffner und mit einem leisen Zischen glitt die stählerne Tür in die Wand hinein.

Schöffen blickte in das zu seinem Blickfeld um 90 Grad gedrehte Gesicht Zoey Pschorns. In einem Reflex neigte er den Kopf und realisierte zu spät, dass er sich dadurch nur lächerlich machte. Auch überrumpelte sie ihn damit, dass sie sich geschickt in den Raum hineinschwang ohne auf seine Aufforderung zu warten. Sie trug nur ein eng anliegendes T-Shirt und eine abgewetzte Feldhose. Was bei einer attraktiveren Frau vielleicht gut ausgesehen hätte, verfehlte hier jede Wirkung. Sie besaß die Statur einer Bodybuilderin, flache Brüste und ihr Gesicht hätte ausladender kaum sein können.

“Ich ahne, was Sie zu mir führt, Frau Pschorn“, versuchte Schöffen die durch ihr schnelles Hereinplatzen verlorene Initiative zurückzugewinnen. Doch seine Kehle war staubtrocken und die ersten Worte kamen fast krächzend heraus. Die Luft an Bord dieses Schiffes machte ihn krank. In den Gängen war die Luft dunstig. Jeder schwitzte viel zu stark, Reinlichkeit galt hier nicht als Tugend. Für seinen eigenen Raum hatte sich Schöffen daher vorsorglich einen Luftentfeuchter mitgebracht. Er wollte nicht mehr vom Schweiß anderer Leute einatmen als es vermeidbar war. Mit Pschorn kam jedoch ein Schwall Luft herein, der den Duft menschlicher Ausdünstungen und noch widerlicheren Dingen mit sich brachte.

“Bassey“, sagte Pschorn und schwang sich geschickt auf einen der beiden Stühle auf der von Schöffen abgewandten Seite des Tisches. Für ihn war es angenehmer, sie wieder in derselben räumlichen Orientierung zu sehen in der er sich befand. In Schwerelosigkeit war es für ihn ohnehin schwer genug, sich zurechtzufinden, da brauchte er nicht noch das kindische Verhalten derjenigen zu ertragen, die in dieser Situation weit mehr Erfahrung hatten. Zu seinem Glück wiesen ihm seine Leibwächter stets diskret den Weg, indem sie bei jeder seiner Erledigungen im Schiff vorangingen und er ihnen einfach nur folgen musste.

“Dieses Arschloch hat einem meiner Männer…“

“Ich weiß, Frau Pschorn, ich weiß. Ich habe es schon von Herrn Deutinger gehört. Mister Bassey wird für drei Tage in seine Kammer gesperrt.“ Er sah es mehr und mehr als einen Fehler an, den Piraten rekrutiert zu haben. Zu Beginn der Reise hatte sich Bassey noch gut benommen. Bis ihn einer der Söldner beim Kartenspielen hereinlegen wollte und er die Fassung verlor. Schlimmer noch, er hatte dem Mann einen Metallstift in den Unterarm gerammt. Niemand hatte sagen können, wie Bassey diesen in die Finger bekommen konnte. Seine Kammer war anschließend untersucht worden und man fand dort noch ein improvisiertes Messer aus einer mit Klebeband umwickelten Glasscherbe sowie eine ebenfalls zu einer scharfen Stichwaffe umgewandelten Metallgabel. Dem Piraten war immer nur Plastikgeschirr gegeben und auch sonst keinerlei Metallgegenstände gestattet worden.

“Er gehört nicht in seine Kammer sondern in die Luftschleuse!“ Pschorn war wütend und Schöffen konnte es sich nicht erlauben, sie gegen sich aufzubringen. Sie und ihre Leute waren für die Sicherheit dieses ganzen Unternehmens notwendig. Und dazu gehörte auch, Bassey unter Kontrolle zu halten. Doch auch Bassey durfte er nicht zu hart bestrafen. Den Piraten durfte er sich ebenso wenig zum Feind machen, denn auch ihn würde er an ihrem Ziel brauchen. Es hatte Schöffen sogar einiges an Mühe und zuletzt schlichtweg Geld gekostet um den Kapitän des Landungsschiffs dazu zu bringen, es bei drei Tagen Hausarrest zu belassen. Als Eigner und Kommandeur des Schiffes besaß dieser die unumstrittene Rechtsgewalt an Bord.

“Mister Bassey ist ohne Zweifel ein schwieriger Mensch.“ Pschorn sah ihn an, als habe er den Verstand verloren.

“Und ich möchte auch nicht verteidigen, was er getan hat. Im Gegenteil, ich verurteile es. Aber ich muss auch Sie daran erinnern, dass ich Sie nicht zuletzt dafür bezahle, Mister Bassey im Zaum zu halten.“ Pschorns Miene blieb ruhig, ihre Haltung dagegen verriet, dass sein indirekt ausgesprochener Vorwurf, sie selbst habe versagt, nicht wirkungslos war. Sie hielt sich nur mit den Beinen an ihrem Stuhl ohne sich festgeschnallt zu haben. Auch das zeigte ihren Erfahrungsvorsprung was Raumreisen betraf. Und leider, das musste sich Schöffen eingestehen, verstand sie sich eigentlich auch besser darin, Menschen zu führen. Natürlich hatte er im Konzern viel mehr Mitarbeiter unter sich gehabt als Pschorn in ihrer lächerlichen Söldnertruppe, aber er dort lief schließlich alles zivilisiert zu. Er hatte nie mit aufmüpfigen Untergebenen zu tun gehabt, die zu viel Testosteron im Blut hatten und ständig meinten, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen. Das war möglicherweise auch bei dem aktuellen Zwischenfall das Problem gewesen. Zumindest galt derjenige, den Bassey mit dem Kopf voran gegen ein Stahlschott befördert hatte, als Großmaul. Andreas Thom, rief sich Schöffen den Namen wieder ins Gedächtnis, einer der Unteroffiziere in Pschorns Einheit. Noch war der Mann selbst nicht befragt worden. Der Feldarzt der Söldner hatte ihn noch nicht entlassen und Marcel Leuterbach, den Schöffen damit beauftragt hatte, sich den Vorfall schildern zu lassen, den Kontakt zu dem Patienten verwehrt.

“Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, diesen Psychopathen anzuheuern?“ ging Pschorn wieder in die Offensive.

“Wenn er nicht gerade einen seiner Ausraster hat und einen meiner Männer ins Lazarett schickt oder sich über uns lustig macht, sitzt er in irgendeiner Ecke und starrt uns mit seinen Haifischaugen an. Wenn Sie nichts tun, werde ich für nichts garantieren!“ Schöffen musste ein herablassendes Augenrollen unterdrücken angesichts der hohlen Phrasen, die diese Frau von sich gab.

“Frau Pschorn, Sie wissen sehr genau, dass Mister Bassey einen Vertrag mit mir abgeschlossen hat, ebenso wie Sie selbst. Ich brauche Sie beide für diese Mission. Natürlich müssen Sie ihn nicht mögen, Sie müssen ihm auch nicht trauen. Im Gegenteil! Seien Sie stets misstrauisch ihm gegenüber. Er hat schließlich gezeigt, wozu er fähig ist. Behalten Sie ihn im Auge, aber achten Sie auch darauf, dass Ihre Männer keine Fehler begehen. Und, Frau Pschorn, halten Sie Mister Bassey von den Zivilisten fern!“ Schöffens rechte Hand bewegte sich in Richtung des Türöffners. Er wollte Pschorn zeigen, dass er ihr Gespräch beendete, so kurz es auch gewesen war. Sie verstand die Geste und drehte sich bereits halb von ihm weg.

“Sie wissen nicht, was Sie sich da ins Boot geholt haben“, sagte sie noch ehe sie sich von ihrem Sitz abstieß und zur Tür schwebte. Mit einem Zischen schloss sich diese wieder hinter der Söldnerin. Schöffen entließ ein tiefes Seufzen und hörte in der darauf folgenden Stille wie mit einem leisen Brummen der Luftentfeuchter mit seiner Arbeit begann.

 

– – –

 

Sein Handgelenk schmerzte, als er seinen Schwung abfing. Wieder hatte er sich zu schnell gedreht. Er wusste nicht, wie die übrigen an Bord es bewerkstelligten, sich so gut in der Schwerelosigkeit zurechtzufinden. Jetzt nach links, Leuterbach hinterher. Er drehte sich und was gerade noch links war, erschien ihm nun als oben – oder als vorne? Schöffen wusste auch nicht, wie er sich in Relation zum Schiff bewegte. Da war eine Beschriftung an der Wand – oder war es die Decke oder der Boden?. Ein Orientierungspunkt in diesem Labyrinth. Er fluchte halblaut. Der kurze Schriftzug war sowohl aufrecht als auch auf dem Kopf stehend angebracht. Lyranische Gründlichkeit. Leuterbach drehte sich mit einem fragenden Blick zu ihm um. Schöffen schüttelte nur den Kopf und zog sich am nächsten Griff weiter den Gang entlang.

Sie kamen beide in einen Raum, den er unter allen an Bord der Kap Arkona am meisten zu hassen gelernt hatte. Doch er sah die Notwendigkeit. Leider war es gerade er, für den es besonders nötig war. Der Gestank rief in ihm Bilder ungekühlter Leichenschauhäuser hervor. Dabei waren es gesunde und lebendige Körper, die dafür verantwortlich waren. Lebendige Körper von denen für seinen Geschmack zu viele anwesend waren. Aber auch das war unvermeidlich. Es waren zu viele Menschen auf dem Schiff und es gab nur diesen einen seiner Art.

“Guten Tag, Herr Schöffen“, begrüßte ihn Pschorn. Ausgerechnet sie. Bevor er sich darüber aufregen konnte, dass es offenbar die Söldnerin war, welche in dieser Schicht die Aufsicht im Fitnessraum innehatte und ihn bei seinen armseligen Bemühungen innerlich auslachen konnte, erkannte Schöffen eine andere Erklärung, die ihm noch mehr missfiel. Am anderen Ende des Raumes war Bassey an einer Liege festgegurtet und zog gleichzeitig mit Armen und Beinen Trainingsgeräte zu sich heran an denen mehr elastische Bänder hingen als Schöffen es sich selbst in der Blüte seines Lebens nicht zugetraut hätte. Dicke Muskelstränge zeichneten sich unter der dunklen Haut Basseys ab. Ein Riese von Mensch und die Kraft eines Bären. Gefährlicher machte ihn jedoch seine Intelligenz, von der jedoch trotz der langen gemeinsamen Reise kaum jemand etwas ahnte. Schöffen wusste es. Er wusste alles über Bassey, das man wissen konnte. Das Gefängnis hatte alles aufgezeichnet. Schlafenszeiten, Essensvorlieben sofern man ihm die Wahl gegeben hatte, Ergebnisse medizinischer Untersuchungen, seine bevorzugte Literatur aus der Gefängnisbibliothek und weitere, mitunter widerliche Details. Lyranische Gründlichkeit.

“Frau Pschorn“ sagte Schöffen, ließ dabei jedoch Bassey nicht aus den Augen. Dieser widerum schien die Neuankömmlinge nicht zu bemerken. Aber auch das mochte täuschen. Nein, er täuschte sie mit Sicherheit, machte sich Schöffen klar. Leuterbach schob sich in sein Blickfeld und verdeckte dadurch auch Bassey. Schöffen nickte seinem Leibwächter zu und zog sich auf die nächstbeste Gerätschaft. Folterapparat hätte es nach Schöffens Verständnis auch heißen können.

Leuterbach hakte ein paar der Bänder aus um den Widerstand für Schöffen zu verringern. Es würde dennoch anstrengend werden. Doch seine Muskeln benötigten Übung, wenn er nicht an ihrem Ziel auf allen Vieren kriechen wollte. Leuterbach zog die Gurte fest und erklärte noch einmal kurz den Bewegungsablauf. Seine untere Rückenmuskulatur würde es also heute sein. Danach vielleicht noch die eine oder andere Übung für die Beine.

Schöffen fluchte innerlich über diese Tortur, fluchte über diese ganze Reise und fluchte über die gesamte Chefetage. Dort sollte er sein und Entscheidungen treffen, gewaltige Hebel mit einem Fingerschnippen bewegen um Milliardenbeträge in neue Investitionen zu stecken oder aus gelungenen Geschäften zu beziehen. Und sich selbst dabei natürlich nicht unberücksichtigt zu lassen. Doch egal was die einfachen Menschen über Manager wie ihn dachten, es waren nicht das Geld und der Luxus, nicht Ausschweifungen oder Frauen und auch nicht sonstige Annehmlichkeiten wie Bedienstete. Es war die Art der Arbeit selbst, die den Reiz ausmachte. Das Wissen, nicht nur ein kleines Zahnrad in einem großen Getriebe zu sein sondern jemand, der tatsächlich etwas bewirken kann, der nicht durch einen anderen zu ersetzen ist und bei dem es einen Unterschied gemacht haben wird, ob es ihn gegeben hat oder nicht.

Pschorn war eine beliebige Söldnerin, allenfalls dadurch ein wenig herausragend, dass sie es in dieser Männerdomäne zu einer eigenen kleinen Einheit gebracht hat. Aber eben wirklich nur eine kleine. Kein einziger Mechkrieger war dabei und auch sonst gab es nichts, das diese Truppe in den Annalen der Geschichte würde auftauchen lassen. Anstelle von Leuterbach und Deutinger hätten ihn auch irgendwelche anderen Leibwächter aus dem Konzern begleiten können. Es waren eben diese beiden geworden ohne dass er sich mit ihnen näher hätte auseinandersetzen müssen. Auch alle anderen auf der Kap Arkona waren austauschbar. Es gab unzählige Landungsschiffe und Kapitäne, Besatzungsmitglieder, Techniker, Ingenieure und die anderen Leute, die er für diese qualvolle Reise benötigte. Alle, vielleicht bis auf Bassey. Von dessen Schlag gab es allenfalls wenige andere und keinen von diesen hätte Schöffen bekommen noch wäre er gerne einem weiteren so schrecklichen Menschen begegnet. Basseys Bekanntschaft allein war schon mehr als genug, wenn nicht bereits zu viel. Doch es war gut, dass es solche Menschen nicht allzu häufig gab. Stark, intelligent, schnell, skrupellos, gewaltbereit und ohne jedes Gewissen, ohne Moral und Tugend.

Wie entstand ein solcher Mensch?

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