Das Land der roten Rosen – Teil IX: Spurensuche

Urban rückte sein Barett zurecht. Schon den dritten Tag in Folge war er in der prallen Sonne dabei gleichzeitig nach Indizien zu suchen, die ihm etwas über den Angriff auf die Station verrieten und auf Bassey zu achten, den ihr Auftraggeber in einem Extrembeispiel von fehlerhafter Menschenkenntnis für einen Spürhund hielt. Tatsächlich hatte der Pirat bislang keinen Versuch unternommen, zu fliehen oder jemanden anzugreifen und er hatte sie darüber hinaus sogar auch auf manche Dinge hingewiesen, die sie bei der ersten oberflächlichen Durchsuchung der Anlage übersehen hatten. Sie waren sogar gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass die erste Tat der Angreifer das Durchtrennen mehrerer Kabel an der Parabolantenne gewesen sein muss. Erst später war die große Schüssel vom Turm gekippt und am Boden weiter zerlegt worden. Für so einen Kraftakt kam nur ein Mech oder allenfalls irgendein Baufahrzeug mit Abrissgerät in Frage. Urban vermutete, dass der stationseigene Loggermech dafür benutzt worden war nachdem die Angreifer die Anlage gesichert hatten. Eine schnelle Wiederinbetriebnahme war so ausgeschlossen, es fehlte ihnen an jedewedem Gerät, die Parabolschüssel auch nur anzuheben.

Bassey lief mit zum Boden gerichteten Blick einen Grünstreifen entlang, der eines der Bürogebäude umsäumte. Urban beobachtete den Piraten skeptisch. Er konnte nicht einschätzen, ob dieser gerade nach Spuren im Gras suchte oder nur ihrer aller Zeit verschwenden wollte. Bei der Untersuchung der Leichen war Basseys Verhalten sogar noch seltsamer gewesen. Es war Urban so vorgekommen als hätte der Pirat Knochen gezählt.

Die Leichen. Inzwischen waren sie bei 93 gefundenen und 50 identifizierten Toten. Und nur ein einziger war eindeutig durch eine Schusswaffe gestorben. Jener, den sie bereits kurz nach der Landung gefunden hatten. Die meisten Leichen waren zwar wenig mehr als Knochen, die durch Tierfraß entstellt und oft weit verstreut waren und dadurch war es möglich, viele Schussverletzungen, die nur Fleisch getroffen haben, übersehen zu haben, aber sie hatten auch nur an wenigen Stellen Hinweise auf Waffeneinsatz gefunden. Ein paar Patronenhülsen oder mal eine Kugel in einer Wand, ein Loch in einer Fensterscheibe. Aber nichts, das auf schwerere Waffen als Sturmgewehre hinwies. Stattdessen etliche zertrümmerte Schädel und andere gebrochene Knochen. Das war nicht alles durch Aasfresser zu erklären.

Ein wohlbekanntes Geräusch weckte Urbans Reflexe. Während seine rechte Hand an das Pistolenhalfter schnellte, holte er mit der linken sein Funkgerät hervor. Kurz darauf ertönte das Rattern einer automatischen Waffe erneut.

“An alle, Marder eins, Meldung!“ ertönte Pschorns Stimme. Ein einzelner Schuss verhallte unheilvoll.

“Sanitäter!“ kam es schrill und knackend aus dem Funkgerät. Die Stimme war panisch und Urban konnte sie nicht erkennen.

“Sanitäter!“

“Wie ist Ihre Position?“ fragte eine andere Stimme. In Urban erwuchs Verzweiflung. Durch den Widerhall zwischen den Gebäuden war es unmöglich, zu sagen, von wo die Schüsse gekommen waren. Seine eigene Truppe verhielt sich vorbildlich. Sie sicherten nach allen Seiten, während er den Funkverkehr weiterverfolgte und Bassey im Auge behielt. Der Pirat schien ebenfalls angespannt, besaß jedoch noch genügend Ruhe, auf ein Knie gesenkt ein paar Grashalme zu rupfen und wieder fallen zu lassen.

“Alle Trupps melden!“

“Bär klar!“

“Wolf klar!“

“Marder klar!“ Stille.

“Fuchs?“ Weiter nichts.

“Bär und Wolf, Marder eins, auf letzte Position von Fuchs vorrücken, vierhundert Meter außerhalb Osttor. Waffengebrauch nach eigenem Ermessen. Marder nach Bravo!“

“Bär bestätigt“, gab Urban durch und wies seinen Trupp an, sich in Marsch zu setzen.

“Bassey, Sie laufen vorneweg! Da lang! Laufschritt!“ schrie er den Piraten an. Dieser zog eine Augenbraue hoch, schaute dann in die Richtung, die Urban ihm wies und sprang auf. Der Hüne legte ein hohes Tempo vor, dem sie nur mit kurzen Sprinteinlagen folgen konnten. Für Urban sah es danach aus, als mache sich Bassey einen Spaß daraus, sie vorzuführen. Er ermahnte diesen dennoch nicht, denn sie kamen so auch rascher zur vermuteten Unglücksstelle.

Urban ließ innerlich eine Parade seiner blumigsten Flüche abhalten und zielte dabei auf Pschorn, Schöffen und wer auch immer sich sonst noch für die gegenwärtige Situation verantwortlich zeichnen würde. Sie waren keinen halben Kilometer weit gekommen und er gedanklich gerade in einer Tirade auf Bassey, der das Tempo noch einmal erhöhte als ein weiterer Schuss ertönte. Wieder nur ein einzelner. Jedoch klang dieser schon deutlich näher als jene zuvor.

“Entsichern!“ rief er seinem Trupp zu. Er selbst hatte es bereits getan und vermutete, dass das Kommando auch für die Übrigen längst obsolet war.

Schweißgebadet kamen sie in Sicht. Bassey verfiel in eine langsamere und geduckte Gangart, Urban und seine Männer taten es ihm unwillkürlich nach. Vor ihnen lagen mehrere reglose Körper, alle in den Felduniformen ihrer Einheit. Bassey warf sich fünf Meter vom nächstgelegenen zu Boden. Hier boten dem Piraten ein paar niedrige Sträucher zumindest einen gewissen Sichtschutz. Und es waren die einzigen Sträucher in einem Umkreis von hundert Metern, die groß genug waren, einen Menschen dahinter zu verbergen. Urban landete unsanft direkt neben dem ersten Körper und erkannte noch im Fallen seinen guten Freund Thilo Weichel, den Truppführer Fuchs. Und er erkannte die Schusswunden. Wenigstens drei Treffer in die Brust. Mit Handzeichen signalisierte er, dass seine Leute nach allen Seiten sichern sollten. Auch bei dem nächsten Liegenden konnte Urban nur den Tod feststellen und dass es ein weiteres Mitglied des Trupp Fuchs war. Der Dritte war nicht in die Brust getroffen worden sondern hatte eine Bauchwunde um die herum die Uniform und der Boden darunter von Blut getränkt war. Todesursache war aber offenbar die Kugel, die den Kopf durchschlagen hatte. Für ihn sah es danach aus, als hätte sich der junge Söldner selbst das Leben genommen weil er die Schmerzen nicht mehr aushielt.

Keine Minute später hatte er die traurige Gewissheit, dass der gesamte Trupp ausgefallen war und wie es schien, vollständig durch eigenes Waffenfeuer. Schubert schien auf seine Kameraden geschossen und sich dann selbst getötet zu haben während nur noch Sanchez mit einer Kugel im Bauch lebte und in seiner Panik ebenfalls den Freitod wählte. Urbans Zeigefinger beugte sich bis an den Druckpunkt des Abzugs. Er wollte seine Wut an irgendjemandem auslassen. Nur zu gut konnte er sich denken, dass den Jungs hier die Nerven durchgegangen sind. Er hatte einen Gewaltausbruch bereits während des Fluges erwartet und die Hoffnung gehabt, es würde nach der Landung besser werden, wenn sie alle wieder einen Himmel über sich hatten und nicht mehr nur auf stählerne Wände blicken konnten. Aber die Allgegenwärtigkeit des Todes in dieser verfluchten Station hatte alles nur schlimmer gemacht. Schnell nahm er die Hand vom Griff seiner Waffe und ballte sie zur Faust. Dreimal schlug er fest auf den Boden und stand dann auf.

“Meyer, Bartmann, lauft los und holt Leichensäcke!“ Die beiden nickten ihm zu und machten sich auf den Weg. Iwanow nahm seinen Klappspaten hervor.

“Nein!“ rief Urban.

“Keiner von uns wird auf diesem verdammten Planeten sein Grab finden. Wir nehmen sie mit.“ Iwanow verstaute den Spaten wieder. Urban sah zu Bassey herüber, der ebenfalls wieder aufgestanden war und ihm einen undeutbaren Blick zuwarf. Diese gefühllosen Augen. Urban umfasste wieder den Griff der Maschinenpistole. Ja, nur ein falsches Wort, ein Zucken oder irgendein anderer Vorwand kämen ihm jetzt gerade Recht um seinem Zorn frein Lauf zu lassen und Bassey mit Blei vollzupumpen bis das Magazin leer war. Und vielleicht dann sogar noch einmal nachladen und weitermachen. Sieben Mann an einen Nervenzusammenbruch verloren. Für nichts und wieder nichts. Damit hatte diese Station schon mindestens 100 Tote gefordert. Urban rechnete nicht mehr damit, irgendeinen Überlebenden der ursprünglichen Besatzung zu finden. Er hoffte nur noch, dass überhaupt noch ein Mensch lebend diese namenlose Welt wieder verlassen würde.

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