Das Land der roten Rosen – Teil XII: Feuer

Sie betraten das Wirtschaftsgebäude und sahen in der Notbeleuchtung sofort die angerichteten Schäden an Generator und Verteilerkästen. Die Tür hatte auf der Straße gelegen und der Rahmen ebenfalls stark beschädigt. Auch dieses Bild passte zu dem, was sie schon früher gesehen hatten. Und wieder sah es nicht danach aus, als hätte jemand einfach in die Technik geschossen oder mit Sprengstoff gearbeitet.

“Halt!“ Urban blieb auf Basseys leise gesprochenes Wort hin sofort stehen und sah sich nach etwas um, das ihm Deckung bieten konnte. Der Pirat trat neben ihn und zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Boden, einen Schritt vor ihnen. Zuerst sah Urban nichts interessantes, nur eine dicke Schicht Staub, der wohl vom beschädigten Eingang herrührte. Dann machte er eine symmetrische Vertiefung in diesem Staub aus.

“Das sind dieselben Spuren, die auch auf dem ganzen Areal zu finden sind“ erklärte Bassey. Urban starrte den Piraten entsetzt an.

“Sie…“ Bassey richtete die Waffe, die er wieder mit zwei Händen hielt, auf Urbans Bauch.

“Ich weiß nicht, was diese Dinger sind“, sagte Bassey und ging an der Wand entlang weiter. Er erreichte eine von einer Reling umgebenen Metallplatte im Fußboden.

“Hier!“ Urban versuchte ebenfalls, nicht in den Staub zu treten und erkannte im Näherkommen, dass es sich bei der Metallplatte um die Abdeckung eines Schachts handelte. Warnhinweise ergänzten

“Wohin führt das?“ fragte Urban.

“Zu allen anderen Gebäuden.“

“Kanalisation?“

“Nein, Stromversorgung.“ Mit einem Kopfnicken bedeutete Bassey Urban, die Abdeckung aufzuklappen. Diese war leichter als er erwartet hatte, was ihm jedoch eher misfiel, da es bedeutete, dass dies kein ernstes Hindernis darstellte. Eine gähnende Schwärze begrüßte sie und machte es unmöglich, abzuschätzen, wie tief der Schacht war. Die schwache Notbeleuchtung reichte nicht bis zum Grund herab. Leitersprossen waren an einer Wand eingelassen und Urban wollte sich bereits daran machen, in die Ungewissheit hinabzusteigen, doch Bassey hielt ihn auf.

“Nein, noch nicht. Erst bereiten wir noch etwas vor. Weiter hinten gibt es Schweißgeräte.“

“Es wäre einfacher für mich, wenn ich wüsste, was Ihr Plan ist. Ich dachte, Sie wollen zum Landungsschiff“, erwiderte Urban.

“Der Schacht führt auch zum Treibstofftank für den Generator. Unter uns sind tausende Liter davon. Damit bekommen wir eine Ablenkung, die uns die Flucht ermöglicht.“

“Woher wissen Sie das alles?“ Urban konnte sich nicht erklären, wie Bassey so viel mehr über diese Station wissen konnte als er selbst.

“Schöffen hatte, was mich betraf, eben Recht. Ich weiß, wie man einen Überfall plant. Und zwar mit dem Fluchtweg zuerst. Jetzt los!“

 

– – –

 

“Da, die hintere Tür rechts!“ Eugen Deutinger ging, eine Maschinenpistole fest im Anschlag, voran und sparte sich ein Kommentar darüber, dass Schöffen schon wieder viel zu laut sprach. Es war ein gewaltiger Fehler, noch einmal hierher zu kommen, aber der Mann war nicht mehr zur Vernunft zu bringen. Draußen wurden alle abgeschlachtet und sie würden sich später alleine durchschlagen müssen. Er trat die Tür ohne langes Zögern ein und suchte nach irgendeiner Bedrohung.

“Alles frei!“ sagte er und ging weiter. Sie waren in einem Raum, der zur Cafeteria des Gebäudes gehörte. Geschirr und Küchengeräte stapelten sich in Regalen.

“Geradeaus!“ wies Schöffen an. Vor ihnen lag eine Stahltür, die mit einem Vorhängeschloss gesichert war.

“Haben Sie den Schlüssel?“ fragte Deutinger.

“Nein, Sie müssen das aufschießen!“ meinte Schöffen.

“Nicht mit diesem Kaliber“ murmelte Deutinger halblaut. Er sah zwei stählerne Pfannen, die recht robust aussahen. Mit der Maschinenpistole am Gurt baumelnd nahm er die beiden und führte den Stiel der einen Pfanne durch das Vorhängeschloss. Mit Schwung schlug er mit der zweiten darauf. Falls sich außer ihnen noch jemand im Gebäude befunden hatte, musste dieser den Lärm gehört haben, aber das Schloss fiel geknackt zu Boden. Deutinger zog die Tür auf und leuchtete mit der auf seine Waffe montierten Lampe ins Innere. Der enge Lichtkegel zeichnete sich in dem kalten Dunst, der ihnen entgegenwallte, deutlich ab. Er wusste nicht, was Schöffen in dem Kühlraum wollte, doch dieser trat an ihm vorbei und nahm sich einen Koffer, der direkt neben der Tür auf dem Boden stand. Mit flinken Fingern öffnete Schöffen seinen Fund, blickte kurz hinein und wirkte erleichtert als er den Koffer wieder verschloss.

“In Ordnung“ sagte Schöffen ohne zu erklären, was so wertvoll war, dass sogar er dafür sein Leben riskierte. Deutinger wandte sich zum Gehen während diesmal Leuterbach die Führung übernahm.

 

– – –

 

Der Strahl einer Taschenlampe tanzte in einem Gebäude am Rande der Anlage und damit weit ab vom Hauptstrom der Flüchtenden. Anscheinend hatte irgendjemand eine anderen Weg gesucht oder versuchte sich, dort zu verstecken. Die Lichtquelle mied auch die Fenster und die Türöffnung. Vielleicht suchte jemand etwas darin. Seine Aufmerksamkeit verlagerte sich noch einmal auf das Gemetzel. Das Waffenfeuer der Söldner war längst versiegt und hatte auch zuvor keinen Einfluss  auf das Geschehen gehabt. Er schätzte die Zahl der Überlebenden auf 25 bis 30. Auch wenn manche davon schon das Stationsgelände verlassen hatten, war hier doch alles unter Kontrolle und er konnte es sich erlauben, die Arbeit den anderen zu überlassen. So wandte er sich wieder der einzelnen Lichtquelle zu.

Er peilte ein Ziel an und sprang. Mit einem heftigen Schlag landete er auf der Straße und rannte sofort weiter. Der Anblick aus der Nähe erinnerte ihn daran, dass er schon zuvor hier gewesen war. Dies war das Generatorengebäude. Vielleicht versuchte gerade jemand, die Stromversorgung wieder in Gang zu setzen. Womöglich gab es ein Notstromaggregat, das er übersehen hatte. Sorgen machte ihm das nicht. Auch wenn jetzt noch die Beleuchtung wieder aktiviert werden und man sie besser sehen konnte, bestünde keine ernsthafte Bedrohung für sie. Das Licht der Taschenlampe erlosch. Man hatte ihn offenbar bemerkt. Es war unerheblich. Er hatte den Eingang erreicht und damit war der einzige Ausweg aus dem Gebäude versperrt.

Er musste sich tief herabbeugen um durch die Tür zu passen und kratzte dennoch an beiden Seiten weitere Teile des Mauerwerks heraus. Als er sich im Innern wieder aufrichtete, krachte irgendetwas hinter ihm herab. Trotz der geringen Helligkeit der Notbeleuchtung konnte er erkennen, dass ihn ein umgestürztes Regal voller Werkzeug und Gasflaschen nur knapp verfehlt hatte. Falls dies der Versuch gewesen sein sollte, ihn damit außer Gefecht zu setzen, war dieser fehlgeschlagen. Dann bemerkte er die aus mehreren Kanistern auslaufende Flüssigkeit. Ehe er jedoch erkennen konnte, worum es sich dabei handelte, flog das rot brennende Geschoss einer Signalpistole herein.

 

– – –

 

Eine Feuersäule stieg hinter ihnen in den Himmel empor und sorgte für einige Sekunden für eine beinahe taggleiche Helligkeit. Und sie beleuchtete auch den vor ihnen liegenden Leichenhaufen. Zerfetzte Leiber stapelten sich in einer riesigen Blutlache. Einzelne abgetrennte Glieder lagen darum herum zerstreut. Deutinger beschleunigte sein Tempo. So wollte er nicht enden. Er hatte beschlossen, im Zweifelsfall sich selbst das Leben zu nehmen. Mit der automatischen Waffe würde es schnell gehen und sein Gehirn würde gleich von mehreren Kugeln durchsiebt werden, ehe sein Finger am Abzug erschlaffte.

Er hörte einen heftigen Schlag und blickte über die Schulter zurück. Eine massige Gestalt rannte auf sie zu, schneller als es ein Mensch konnte. Sie würde sie einholen, egal wie sehr sie sich verausgabten. Deutinger schrie eine Warnung aus und Leuterbach schaute ebenfalls zurück ohne dabei langsamer zu werden. Dafür kam Schöffen ins Stocken und stolperte beinahe. Deutinger packte den Manager und zerrte ihn mit sich. Für einen Augenblick glaubte er, auch Leuterbach würde ihrem Schutzbefohlenen helfen wollen, dann rempelte Leuterbach Schöffen an und entriss diesem dabei den Koffer. Schöffen stürzte und riss dabei Deutinger mit zu Boden.

Als Deutinger sich wieder aufgerappelt hatte, war Leuterbach nicht mehr zu sehen. Dafür war die Gestalt hinter ihnen schon gefährlich nahe. Er dachte garnicht erst daran, auf diese zu schießen sondern packte Schöffen. Gemeinsam stürmten sie in den nächstgelegenen offenen Eingang. Zwar war dieser eigentlich zu eng für das Ding, das sie verfolgte, doch machte sich Deutinger nicht die Hoffnung, dass sie dadurch viel Zeit gewinnen würden. Der Flur gabelte sich vor ihnen auf und er entschied sich für die rechte Seite und dann sofort für die erste offenstehende Tür links.

In einer Verschnaufpause sah er sich mit Schöffen in einem Büro wieder. Das Fenster auf der hinteren Seite bot ihnen eine Möglichkeit zur Fortsetzung ihrer Flucht. Kurz hielt er den Atem an, konnte außer dem Schnaufen des Managers jedoch nichts hören, das darauf schließen ließ, dass sie weiterhin verfolgt wurden.

“Der Koffer“ murmelte Schöffen.

“Vergessen Sie es!“ meinte Deutinger.

“Der Koffer“ wiederholte Schöffen dennoch. Der Mann stand unter Schock. Deutinger musste sich jedoch eingestehen, dass es ihm kaum besser ging. Auch er verstand die Welt nicht mehr. In diesem Augenblick erbebte alles um ihn herum und ein gewaltiger Donner ließ ihn beinahe taub werden. Glassplitter und andere Trümmer regneten auf sie nieder.

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