Das Land der roten Rosen – Teil XVII: Heimkehr

Hatte sich das Landungsschiff während des langen Fluges in die Peripherie stets bedrückend eng angefühlt, so erschienen ihm nun die Räumlichkeiten weit weniger klaustrophobisch. Seine Leibwächter, von denen einer ihn verraten hatte, waren tot. Alle Söldner waren tot. Von den Technikern und Wissenschaftlern hatten es nur zwei geschafft. Lediglich die Mannschaft der Kap Arkona war ohne Verluste davon gekommen. Und er, Schöffen, hatte ebenfalls überlebt. Sein ganzer Körper war von Prellungen, Schnitten und Schürfwunden übersät. Sein Projekt war verloren. Aber wenigstens war es nicht seine Schuld gewesen. Es war keine Fehlentscheidung gewesen, die Station zu errichten. Einen solchen Angriff hatte niemand vorhersehen können. Genauer zwei solcher Angriffe, die zusammen hunderte Leben und zuletzt auch noch die Station selbst gekostet hatten. Auch die Züchtungen waren verloren. Das Labor, in dem alle Daten und Keimlinge aufbewahrt worden waren, war schon beim ersten Angriff geplündert und gebrandschatzt worden. Lediglich den Koffer hatte Schöffen noch retten können. Und dieser war das einzige, das sie in den nächsten Jahren kaum ersetzen konnten. Mit der genetischen Forschung waren sie auch zurückgeworfen worden, aber vielleicht ließe sich ja noch einmal eine kleine Expedition ausschicken, die nur kurz landet, einige der Rosenstöcke sammelt und sofort wieder verschwindet ehe es einen weiteren Angriff gibt. Ja, das würde er angehen sobald er wieder zurück in der Zivilisation wäre. Das Management würde dem zustimmen. Schließlich konnten nur so die Verluste überhaupt ausgeglichen werden. In diesem Vorhaben steckte zu viel Kapital als dass noch jemand einen Rückzug wagen würde.

Schöffen füllte seine Tasse mit frischem Kaffee und begab sich von der Messe in sein Quartier. Die Luftqualität war wesentlich besser als auf dem Flug in die Peripherie, auch wenn ihm bewusst war, dass es wieder schlimmer werden würde. In wenigen Tagen würden sie das Sprungschiff erreichen und dann sofort das System verlassen. Immerhin wurden sie nicht verfolgt und hatten so nichts mehr zu befürchten.

Zischend glitt die Tür vor ihm auf und hinter ihm wieder zu. Sofort verriegelte er diese, damit ihn niemand belästigen konnte. Schöffen stellte den Kaffee auf dem kleinen Tisch ab und genoss die Stille. Erst dann besann er sich, dass er nun endlich, einen Tag nach ihrer Flucht und nachdem er zweimal lange über das Erlebte geschlafen hatte, einen Bericht abschicken musste. Er holte den Koffer aus einem Staufach hervor, stellte ihn auf den Tisch neben die Kaffeetasse und setzte sich selbst auf den unbequemen Stuhl. Nach einem Schluck entriegelte er die beiden Schlösser und öffnete den Koffer.

Er verschluckte sich beinahe. Das konnte nicht sein. Nicht nach allem auch noch das. Vor ihm lagen ein Haufen schmutziger Steine und blutbefleckter Kleidungsstücke, die den Innenraum des Koffers völlig ausgefüllt und so verhindert hatten, dass die Steine sich bewegen konnten. Wo Bildschirm, Tastatur und Elektronik hätten sein müssen, war nur noch dieses Füllmaterial. Leuterbach. Er musste den Inhalt ausgetauscht haben nachdem er den Koffer gestohlen hatte. Schöffen fühlte, wie sich seine Gedärme verkrampften, fühlte einen tiefen Hass in sich aufsteigen. Leuterbach hatte ihn verraten, hatte einen der wertvollsten Gegenstände im Besitz des Konzerns geraubt. Schöffen verstand nicht, was den Mann dazu getrieben hatte. Wenn er das Gerät aus dem Koffer genommen hatte, warum hatte er diesen dann überhaupt noch mit sich getragen?

Schöffen warf den Koffer schwungvoll vom Tisch, packte die Kaffeetasse und schleuderte sie gegen die Wand, stand auf und trat schreiend und weinend gegen die stählerne Wand.

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