Das Land der roten Rosen – Teil XVIII: Eine rote Rose (letzter Teil)

Schöffen wusste, dass er keine Fehler gemacht und dennoch alles verloren hatte. Eine weitere Karriere im Konzern war ausgeschlossen, aber das Management hatte ihn auch nicht vor die Tür setzen können. Dafür wusste er zu viel und außerdem war in den Monaten, die seit der Expedition vergangen war, klar geworden, mit welchem Gegner er es zu tun gehabt hatte. Das Frühjahr 3050 hatte eine der größten Offensiven der Geschichte der Inneren Sphäre erlebt. Und wenn schon die Truppen der Großen Häuser diesem neuen Feind nicht gewachsen waren, wie hätte er es mit dieser lausigen Söldnertruppe bewältigen sollen? Die Clans vernichteten ein Mechregiment nach dem anderen, da stellten ein paar einfache Fußsoldaten kein Hindernis dar.

Leider hatte diese Erkenntnis auch bedeutet, dass eine Rückkehr in die Peripherie, um wenigstens ein paar Setzlinge zu retten, chancenlos war. Dem Konzern mangelte es inzwischen auch an der notwendigen logistischen Kapazität. Eines ihrer Sprungschiffe mit zwei angedockten Landungsschiffen waren von den Clannern entweder zerstört oder gekapert worden und das Militär hat viele weitere Schiffe requiriert um Truppen und Material an die Front zu bringen. Ein Landungsschiff, das ihnen noch geblieben war, würde ihn morgen zusammen mit anderen Konzernmitarbeitern evakuieren. Nur eine Nacht blieb ihm hier noch.

Am Morgen hatte er dafür eine Unterkunft in der Nähe des Raumhafens gebucht. Nun fuhr er mit dem Aufzug in die Penthouse-Suite hinauf. Nur mit einem eigenen Magnetschlüssel ließ sich dieses Stockwerk überhaupt erreichen. Die Suite war in Weiß und anderen hellen Farben gehalten, die Decke beinahe vier Meter hoch. Sein Gepäck stellte Schöffen auf einen flachen Tisch ab, dessen Platte aus Milchglas sogleich sanft zu leuchten begann. Der kurze Tageszyklus des Planeten schenkte ihm schon jetzt den Ausblick auf eine untergehende Sonne. Von dem rotgoldenen Licht angelockt trat er auf den Balkon hinaus. Auf einem runden Tisch stand ein mit eis bestückter Sektkühler. Die Flasche erkannte Schöffen als gute Importware. Das Angebot ließ er nicht aus und füllte sich ein Glas ab.

Mit dem prickelnden Sekt in der Hand und den Sonnenuntergang betrachtend erschien ihm seine gegenwärtige Lage weniger prekär. Nicht nur sein Projekt war verloren gegangen. Und nicht nur er hatte eine Black Box verloren. Das Gegenstück in der Firmenzentrale war ebenfalls gestohlen worden. Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass es Geheimagenten Kuritas gewesen waren und man vermutete, dass Leuterbach ebenfalls zu diesen gehört hatte. Ihre Verbindungsleute zum lyranischen Geheimdienst waren es gewesen, die dies aufklären konnten. Jene Verbindungsleute, von denen sie die kostbaren Geräte überhaupt erst erhalten hatten. Angesichts der sonstigen Verluste durch die Clan-Invasion erschien dies nun weniger bedeutend.

Er leerte das Glas und stellte es auf dem Balkongeländer ab. Das Hotel überragte die umliegenden Gebäude um wenigstens zwei Stockwerke und zum Raumhafen hin war die Sicht ungestört. Die eiförmigen Silhouetten zweier Landungsschiffe zeichneten sich gegen den roten Himmel ab. Trotz der malerischen Aussicht, hielt er es für vernünftig, noch ein paar Stunden Schlaf vor dem Abflug zu bekommen. Seit der Expedition hatte er eine tiefe Abneigung gegen Raumreisen entwickelt und fand auf diesen kaum Ruhe und Erholung.

Er zog die Krawatte aus und begann, sein Hemd aufzuknöpfen als er das Schlafzimmer betrat. Auch hier war alles in weiß gehalten. Die Wände, die hohe Decke, der weiche Teppich und die seidene Bettwäsche. Er wollte die Krawatte über eine Stuhllehne hängen, als sein Blick noch einmal über das Bett schweifte. In der Mitte des Weiß befand sich ein einzelner farbiger Gegenstand. Mit halb geöffnetem Hemd trat er näher heran und traute seinen Augen nicht. Die Krawatte rutschte aus seiner Hand und fiel zu Boden. Dort lag eine rote Rose.

Schöffen glaubte an einen unglücklichen Zufall, als ihm auffiel, dass es auch noch exakt jene dunkelrote und intensiv duftende Zuchtform war, die sie in der Peripherie aufgezogen hatten. Feine Tautropfen schillerten auf den Blütenblättern. Als er danach greifen wollte, schwang die Tür zum angrenzenden Badezimmer auf, flog dabei aus den Angeln und krachte polternd gegen die Wand. Eine riesige Gestalt mit schwarzen und grünen Streifen trat heraus. Die Fliesen barsten unter den Schritten.

“Nein“, brachte Schöffen entsetzt hervor, als er auch schon von einer stählernen Klaue gepackt und emporgehoben wurde. Er glaubte sich in einem Albtraum, doch er erwachte nicht. Eine Rippe brach, dann wurde er auf das Bett geworfen. Obwohl die Matratze weich war, landete er unsanft. Bevor er sich aufrappeln konnte, wurde er erneut festgehalten. Diesmal war es der Armstumpf der Elementarrüstung, die in einer Waffenmündung statt in einer Klaue endete. Es trieb ihm die Luft aus der Lunge, als er in die Polsterung gedrückt wurde.Alles zappeln half nichts. Gegen die Kraft dieser Maschinen kam kein Mensch an. Panisch blickte Schöffen in das dunkle Visier.

“Herr Schöffen“, sprach ihn eine metallisch verzerrte Stimme an.

“Ich bin äußerst froh darüber, Sie endlich gefunden zu haben“, setzte die Stimme fort.

“Wer?“ keuchte Schöffen. Die stählerne Klaue packte seine linke Hand und drückte langsam zu. Zuerst klemmte sie ihm nur das Blut ab, dann spürte er, wie sich Knochen verschoben, Muskeln und Sehnen rissen. Blutgefäße platzten und Knochen brachen. Die Schmerzen waren unerträglich und er schrie so laut er nur konnte. Mit seiner freien Hand schlug er gegen den metallenen Arm, der ihn noch immer auf dem Bett fixierte, trat mit den Füßen gegen den gepanzerten Rumpf des Elementars. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit als sich die Klaue wieder öffnete. Sie gab den Blick frei auf das, was einst seine Hand gewesen doch nun nicht mehr als eine solche zu erkennen war. Sogleich packte die Klaue seinen Unterarm und das langsame Verengen wiederholte sich. Das konnte nicht wahr sein, das konnte nicht wirklich geschehen. Er war diesen Ungeheuern doch schon einmal entkommen. Er hatte überlebt wo so viele andere getötet worden waren. Schöffens Sinne schwanden und er verlor das Bewusstsein.

 

– – –

 

Schöffens Körper erschlaffte, doch wusste er, dass der Mann noch nicht tot war. Er sorgte sogar dafür, dass dies nicht allzu bald geschehen würde. Die Clanner waren in vielen Bereichen fortschrittlicher als die Innere Sphäre. Dies betraf nicht nur ihre Waffentechnologie sondern auch die Medizin. Auch wenn es in der Elementarrüstung schwieriger war, gelang es ihm dennoch durch seine Erfahrung, die Blutung zu stillen. Dann entstieg er der Rüstung und stabilisierte den Zustand Schöffens weiter, fesselte diesen dabei aber auch an das Bett. Es war noch nicht vorbei. Er würde es so lange auskosten, wie es nur möglich war. Sogar Schmerzmittel injizierte er, damit Schöffen nicht erneut vor Schmerzen die Besinnung verlieren würde. Stattdessen sollte dieser bei vollem Bewusstsein miterleben, wie sein Körper nach und nach zerstört wurde.

Ihn hatten sie einst einen brutalen Unmenschen, ja sogar eine Bestie genannt. Er machte sich auch keine falschen Vorstellungen darüber, jemals von den Bewohnern der Inneren Sphäre mit einem positiven Wesensmerkmal bezeichnet zu werden. Doch das hatte sich diese verdorbene Gesellschaft selbst zuzuschreiben. Einst war er ein anderer Mensch gewesen. Jemand, der Verletzungen heilte statt sie anderen zuzufügen. Ein Arzt. Dann war der Tag gekommen, als Piraten die Kontrolle über die Stadt übernahmen, in der er seine Praxis hatte. Bis dahin war es ein einfaches und fast schon primitives Leben gewesen. Doch die Piraten traten in Handel mit den Lyranern. Und in der Nähe seiner Heimatstadt auf diesem ansonsten unbedeutenden Peripherieplaneten, der einst zu den Randwelten gehört hatte, lag eine Diamantenmine. Es hätte ihn nicht gestört, wenn einfach ein Raubbau betrieben worden und die Piraten daraufhin wieder verschwunden wären und eine ärmere Stadt hinterlassen hätten. Doch sie begannen, für diesen Raubbau jeden heran zu ziehen, der für irgendeine Arbeit zu gebrauchen war. Die Hälfte der Bauern wurde zu Minenarbeitern, Kinder wuschen Diamanten aus giftigem Wasser. Die Ernährungslage wurde kritisch und Seuchen brachen aus. So hatten sie auch ihn in ihre Dienste gezwungen. Alles war auf Ausbeutung und auf Profit ausgerichtet. Profit in Form lyranischer Währung.

Bassey wusste nicht, wie vielen Kindern er selbst mit einer Nadel einen schnellen Tod bescherte, wenn diese sonst durch die Gifte langsam von innen heraus zersetzt worden wären. Die Piraten fanden heraus, was er tat und nahmen ihm alles, womit man jemandem ein sanftes Ableben ermöglichen konnte. Kinder, die nicht mehr laufen konnten, wurden von da an nur noch in eine tiefe Grube geworfen. Er war daran zerbrochen. Und er hatte sich einer Verschwörung angeschlossen. Er war es gewesen, der etliche der Piraten vergiftete, woraufhin es ihm und einigen weiteren gelungen war, ein Landungsschiff der Piraten zu stehlen und damit zu fliehen. Sie wussten, dass die Piraten dank der Lyraner zu gut ausgerüstet waren und sie nicht die Stadt befreien konnten. Stattdessen hatten sie beschlossen, die Wurzel des Übels auszumerzen. Sie hatten herausgefunden, wer die Diamanten kaufte und mehrere Überfälle auf Filialen dieser Bank verübt. Sie hatten die Tresore geplündert und alle dort gefundenen Edelsteine und Schmuckstücke in die Triebwerke des Landungsschiffs geworfen, wo sie im heißen Plasma vernichtet wurden. Bei dem letzten Überfall war jedoch einiges schief gelaufen und Bassey hatte in die Wildnis fliehen müssen.

Obwohl er gegen Piraten und ihre Komplizen gekämpft hatte, hatte man ihn wegen dieser Überfälle selbst für einen solchen gehalten. Die Lyraner und auch Schöffen hatten offenbar nicht einmal geahnt, wer oder was er wirklich war. Nachdem Schöffen ihn aus der Todeszelle heraus rekrutiert hatte, war Bassey bald klar geworden, dass er es hier mit genau der Sorte Mensch zu tun hatte, die auch für das Elend in seiner Heimat verantwortlich gewesen war. Als sich auch noch herausstellte, dass für die Plantagenarbeit Sklaven gehalten worden waren, hatte Bassey beschlossen, diesen Mann eigenhändig zu töten. Das wahre Ausmaß dessen, was Schöffen zu verantworten hatte, wurde dennoch selbst Bassey erst später klar. Er hatte versucht, durch die Rosenplantage zu fliehen. Doch es waren diese Rosen, die ihn überwältigt hatten. Schöffens Genetikern war nicht daran gelegen gewesen, Rosen zu züchten, die besonders hübsch aussahen, besonders angenehm dufteten, besonders resistent gegen Schädlinge waren oder sonst irgendwelche Eigenschaften hatten, die sie als Schnittblumen wirtschaftlich überlegen machten. Sie hatten den Rosen Gene anderer Pflanzen gegeben, wodurch im Rosenöl eine stark halluzinogene Droge gebildet wurde. Er war damals beinahe an einer Überdosis gestorben nur durch das Einatmen dieses Stoffs. Und obwohl er nur dieses eine Mal damit in Kontakt gekommen war, hatte er einen mehrwöchigen Entzug durchmachen müssen. Schöffen hatte eine neue, extrem süchtig machende Droge auf den Markt bringen und damit ein Vermögen machen wollen.

Die Clanner hatten Bassey zwischen den Rosenbüschen gefunden und als Leibeigenen aufgenommen. Nach dem Entzug und als er ihnen erklärte, was er auf der Flucht aus der Station getan hatte, hatten sie ihm ermöglicht, sich in einer Probe zu beweisen um als Krieger aufgenommen zu werden. Sie schätzten die Menschen der Inneren Sphäre gering und sahen sogar in ihren eigenen Reihen auf jene herab, die nicht ihrem Zuchtprogramm entstammten, aber vor der Leistung, quasi unbewaffnet drei Elementare zu töten, hatten sie Respekt. Die Clans hatten ihre ganz eigenen Makel, doch sie versuchten wenigstens nicht, ihre eigene Bevölkerung unter Drogen zu setzen. Diese Erkenntnis war es auch gewesen, die zu ihrem ungewöhnlichen Verhalten bei den Angriffen geführt hatte. Sie wollten sich mit Gegnern in ehrenhaften Kämpfen messen. Doch Sklavenhalter und Giftmischer waren für sie keiner Ehre würdig. So hatten sie beschlossen, nicht mit Waffen sondern mit rein brachialer Gewalt vorzugehen. Obwohl eine ganze Nova auf dem Planeten war, hatten sie sich auf den Einsatz eines einzelnen Strahls Elementare beschränkt. Und selbst diese hatten ihre Raketentornister abgeworfen und ihre Laser deaktiviert. Sie wollten zeigen, wie überlegen sie auch moralisch waren indem sie zeigten, wie überlegen sie einer so großen Überzahl auch ohne Schusswaffen sein konnten. Bei ihrem ersten Angriff hatten sie hunderte Menschen getötet und die Sklaven befreit ohne einen einzigen Mann zu verlieren. Erst beim zweiten Angriff hatten sie Verluste erlitten. Von den fünf Elementarkriegern waren drei Bassey zum Opfer gefallen und ein vierter wurde von den Bordgeschützen des Landungsschiffs getötet.

Bassey hatte in einem Zweikampf einen anderen Elementar bezwungen, wobei Bassey annahm, dass sie ihm absichtlich einen eher schwächeren, älteren Krieger als Gegner ausgewählt hatten. Sie hatten ihn in ihren Reihen gewollt, nachdem er ihnen seine Geschichte erzählt hatte. Seine erste Mission als Clankrieger hatte dann auch darin bestanden, gegen genau jene Piraten vorzugehen, die einst seine Heimatstadt besetzt hatten. Zwar hatte er auf dieser Kampagne nicht mehr dorthin zurückkehren können, doch hatte man ihm mitgeteilt, dass auch dort nun die Clanner die Kontrolle übernommen hatten. Den Abbau der Diamanten setzten sie ungerührt fort, jedoch nicht mehr mit Kinderarbeit sondern mit Maschinen.

Sein Clan, die Jadefalken, hatte ihm, nachdem er auch die Probe zum Point Commander bestanden hatte, schließlich erlaubt, sich auf die Jagd nach Schöffen zu machen. Bassey grinste, als Schöffen wieder erwachte. Langsam und den Prozess genießend, setzte Bassey sein Werk fort.

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