these boots are made for wading – Teil XV: Der Feind

Der Spähtrupp unter Miguels Führung war es schließlich, der zuerst den Feind sichtete. Ein dunkelgrüner Rumpf, der zwischen den Stämmen gerade gewachsener Bäume und dem niedrigeren Unterholz zu sehen war. Das Gelände darum herum war der Albtraum eines jeden Spurenlesers. Bei Fußabdrücken die lang genug waren, um sich in diese hineinzulegen, Trümmerteilen mit der Größe und Masse eines Geländewagens und den Nachwirkungen von Waffen, die in einer Minute mitunter eine Tonne an Munition hinausjagten war nur noch wenig darüber zu erkennen, wie sich dieser Kampf genau abgespielt hatte. Einig wurden sie sich nur über die offensichtlichen Merkmale. Außer diesem riesigen stählernen Leichnam vor ihnen fanden sie noch zwei ausgebrannte Panzer. Und alle trugen den roten Stern. Zumindest hier hatten also ihre eigenen Truppen einen kleinen Sieg errungen.

Miguel erklärte sich das Geschehene so, dass sich die schweren Truppen der Brigaden auf dem Rückzug befanden und auf eine kleinere Einheit des Feindes gestoßen waren. Dieser hatte vielleicht versucht, die Brigade aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen. Aber dies war offenbar nicht geglückt und der Rückzug gelungen. Die Fußabdrücke und Kettenspuren führten genau in die Richtung weiter, in die auch sie weiterziehen mussten. Sie hatten keine neuen Befehle erhalten und marschierten noch immer auf den Flugplatz zu.

Auf Miguels Ratschlag hin hatte der Captain auch angeordnet, eine andere Route zu nehmen. Der Spur der Brigaden zu folgen wäre zu riskant, da der Feind wohl am ehesten ebenfalls diesen nachgehen würde. Und gegen eine Übermacht wie hier zu erwarten wäre, könnten sie nicht bestehen.

Eine kurze Abfolge von Schüssen machte ihnen jedoch klar, dass sie auch einem gut vorbereiteten Hinterhalt nicht gewachsen waren. Die Offiziere fielen als erste, die Schützen hatten sie eindeutig identifizieren können. Miguel hechtete nach rechts los und warf sich vor einem Gebüsch auf den Boden. Die nächste Salve ging auf sie nieder und traf diejenigen, die keine ausreichende Deckung gefunden hatten. Miguel wusste auch selbst nicht, von wo der Beschuss kam. Zwei Soldaten rannten an ihm vorbei, offenbar ohne ihn zu sehen. Einer der beiden wurde mitten in der Bewegung getroffen. Der Schmerzensschrei ließ seinen Kameraden stocken und ihn zu einem leichten Ziel werden. Eine Kugel traf ihn im Hals. Vor Miguels innerem Auge lief dieser kurze Augenblick wieder und wieder ab. Der tödliche Treffer, das Blut, die Schreie und das Wimmern der Verwundeten. Vereinzelt wurde nun das Feuer erwidert.

Miguel fühlte sich an den Moment zurückversetzt als er von Luis’ Tod erfahren hatte. Die Ohnmacht drohte, ihn zu überwältigen. Er konnte nichts tun, als mit weit aufgerissenen Augen unbeweglich auf dem Boden zu liegen und tatenlos zuzusehen, wie seine Kameraden nacheinander getötet wurden.

Es wurde immer stiller um ihn herum, als der Feind dazu überging, die Verwundeten zu erschießen. Miguel schaffte es schließlich, die Augen zu verschließen. Als er sie wieder öffnete sah er seine Hände, die sich um sein Sturmgewehr verkrampft hatten. Er lebte noch und er konnte sich noch immer wehren. Man hatte ihm noch nicht wie all den anderen ein tödliches Geschoss durch den Leib gejagt. Vielleicht sollte er es an ihrer Stelle tun. Sich selbst das Leben nehmen, damit es wenigstens schnell ginge.

Er versuchte, sich auf die Seite zu rollen, doch sein Rucksack hatte sich an dem Gebüsch verhakt. Das Rascheln kam ihm unnatürlich laut vor. Tief durchatmend brachte er seine Hände wieder so weit unter Kontrolle, dass er sich den Rucksack abstreifen konnte. Nur noch mit dem Gewehr ausgerüstet kroch er los. Er dachte nicht darüber nach, was er tat. Es konnte nur dumm und falsch sein, sich zu bewegen. Er hätte liegenbleiben und sich tot stellen sollen. Oder…

Ein schlankes Gesicht tauchte plötzlich vor ihm auf. Braune Augen blickten voller Schrecken in die seinen und wanderten dann auf die Mündung von Miguels Gewehr. Schwarze und Grüne Tarnschminke verzerrte das Antlitz und doch wirkte es für Miguel nur eines: menschlich. Der Feind war ein Mensch wie er, das Braun ihrer Augen war fast gleich, die Haut seines Gegenübers nur wenig dunkler als seine eigene. Und dieser Mensch hatte Angst. Angst vor dem Tod wie Miguel sie verspürte. Die Gewehrmündung zeigte genau auf das Gesicht seines Feindes. Eine kleine Fingerbewegung und er hätte wenigstens einen von ihnen erledigt. Einen jener Feinde in deren Würgegriff das Königreich seit Generationen steckte. Wie konnten Menschen einander all das antun? Dieser Mensch dort hatte Miguels Kameraden erschossen. Und nun konnte Miguel es ihm heimzahlen. Wenigstens diesem einen bevor dessen Kameraden ihr Werk vollendeten. Und doch vermochte Miguel nicht, den Abzug zu betätigen.

Langsam senkte Miguel den Lauf bis die Waffe nur noch harmlos auf den Boden gerichtet war. Sein Gegenüber nickte ihm zu und kroch langsam rückwärts. Bald darauf hörte Miguel einen Ruf in der Sprache des Feindes. Im Umkreis von hundert Metern stand etwa ein Dutzend Männer in hervorragender Tarnbekleidung auf. Fast jeder blickte zu ihm, aber keiner kam ihm zu nahe oder richtete eine Waffe auf ihn. Miguel beobachtete auf der Erde sitzend wie der Feind abzog.

Als der letzte von ihnen im Wald verschwunden war, begann Miguel zu weinen.