these boots are made for wading – Teil XIV: Der Spähtrupp

Die Nacht war kurz und wenig erholsam. Miguel hatte sich selbst die letzte Wache gegeben und war bei Sonnenaufgang geweckt werden. Nebel war aufgezogen und würde sich erst in den nächsten Stunden wieder lichten. So bedeckte ein bleiernes Leichentuch ihr ganzes Umland. Schlecht für sie, falls sich jemand anschleichen wollte. Aber es verbarg auch sie vor unerwünschten Blicken. Ein Soldat aus dem dritten Bataillon saß ein paar Schritte von ihm entfernt mit einer der Ohrmuscheln ihres Funkgeräts am Ohr. In der Hand hielt er eine dampfende Tasse Tee. Diesen kleinen Luxus konnten sie sich erlauben. Der Nebel schluckte das Licht des kleinen Kochfeuers. Miguel blickte fragend zu dem Funker herüber, doch dieser schüttelte nur den Kopf. Als er den ersten vorsichtigen Schluck nahm, knackte es jedoch und der Funker verschluckte sich beinahe. Mit ein paar schnellen Schritten war Miguel heran und nahm sich die zweite Ohrmuschel.

„…mit Infanterieunterstützung! Wiederhole: Mindestens zwei Kompanien Battle…“ Der Funkspruch verlor sich in Rauschen und einem anderen Geräusch. Das Feuer automatischer Waffen. Schwerer Waffen. Wer immer diesen Funkspruch absetzte, war in Gefahr und in Panik. Er hatte nicht einmal die üblichen Code-Zeichen verwendet. Oder war das eine Falle? Miguel dachte nach. Würde er selbst unter Beschuss noch an Gefechtsfeldcodierung denken? Zebras für Panzer, Wespen für Infanteriekompanien, Tiger für Battle…

„Ich wecke den Captain“, unterbrach der Funker Miguels Gedanken und eilte los. Im Funkgerät blieb es bis auf Rauschen still. Konnte ihr Feind vielleicht den Funkverkehr stören? Hatten sie deshalb noch nichts von anderen Einheiten gehört? Auch wenn die Marineinfanterie durch die Urlaubswoche in alle Winde verstreut war, so gab es in dieser Gegend doch noch weitere Militärbasen. Puerto Rojo war der größte Kriegshafen dieser Küste, weiter im Inland war ein großer Militärflugplatz und dazwischen mehrere Kasernen und Befestigungen der Brigaden. Es war ja schließlich auch notwendig. Dieser Landstrich war wertvoll. Puerto Rojo war nach dem roten Eisenerz benannt, das im dortigen Handelshafen umgeschlagen wurde, Miguels Heimatstadt Puerto Verde nach dem kupferhaltigen Malachit. Wichtige Rohstoffe für die Industrie des Königreichs.

„Sábado! Sábado! Sábado!“ kam es aus dem Funkgerät. Miguel nahm sich den kleinen Notizblock, den der Funker zurückgelassen hatte.

„Sábado! Sábado! Sábado!“ Das Zeichen für einen Befehl an alle Einheiten wurde wiederholt. Nun musste die Identität des Senders folgen.

„Inés! Dolores! Martinez! Antonio!“ Der Comandante! Damit hatte Miguel nicht gerechnet. Er schrieb auch alle nachfolgend durchgegebenen Buchstaben auf. Der Captain erreichte ihn und nahm die Ohrmuschel, die zuvor noch der Funker benutzt hatte. Doch er bekam nur noch die letzten drei Zeichen mit, mit denen ihnen der Comandante Glück wünschte. Wortlos übergab Miguel dem Offizier den Notizblock. Er sah unzufrieden aus.

„Sie gehen von mindestens einem Bataillon Tiger aus. Puerto Rojo sollen wir weit umgehen. Unser Sammelpunkt ist der Flugplatz“, nannte der Captain ihren Befehl, riss das Blatt vom Notizblock und hielt es in das Kochfeuer. Als es gänzlich verbrannt war, gab er Anweisung zum Aufbruch.

 

Sie wussten nun immerhin, wohin sie marschieren wussten. Der Fluss, der sie in der vergangenen Nacht so irritiert hatte, weil er nicht in ihrer Karte verzeichnet war, entpuppte sich als künstlicher Graben, der eigentlich nur bei Hochwasser geflutet war. Warum er jetzt Wasser führte, erfuhren sie gegen Nachmittag.

Der Transport der Erze von den Minen zu den Häfen erfolgte über Kanäle. Und irgendjemand hatte eine der Schleusen gesprengt, welche den Kanal mit dem Entwässerungsgraben verband. Und nicht nur hier. Der Kanal führte kaum noch halb so viel Wasser wie die großen Barken benötigten. Im ganzen Umland waren alle Schleusen geöffnet worden. Alle Gräben und auch einige Felder waren dafür geflutet. Das verlangsamte ihr Vorankommen deutlich.

Miguel beschleunigte seine Schritte und schloss zum Captain auf, der fast an vorderster Stelle ihrer Einheit lief. Der Offizier hatte ihn zu sich gewunken.

„Captain?“

„Cabo, nehmen Sie sich drei Mann. Wir brauchen einen Spähtrupp.“ Miguel nickte nur ohne den Befehl zu hinterfragen. Dennoch erklärte ihm der Offizier seinen Befehl.

„Die Schleusen hier sind alle kontrolliert gesprengt worden. Das war kein Waffenfeuer. Vielleicht sind diejenigen, die das getan haben, noch in der Nähe.“ Wieder nickte Miguel und entfernte sich von dem Captain. Diese Aufgabe hätte ganz nach seinem Geschmack sein können. Ein kleines Team anführen, dessen Mitglieder er sich sogar frei aussuchen konnte und ein Auftrag, der ihm weitere Freiheiten in der Ausführung garantierte. Das Problem war, dass er die Leute hier nicht kannte. Hier war kein einziger Soldat aus seiner Kompanie. Ja, nicht einmal aus seinem Bataillon. Er blieb stehen und beobachtete jeden Einzelnen, blickte in alle Gesichter, merkte sich die Namen derjenigen, die am wenigsten erschöpft wirkten und wählte unter diesen dann die drei aus, deren Gewehre am saubersten waren. Ein Spähtrupp brauchte gute Läufer und er spekulierte darauf, dass es vor allem gute Schützen waren, die auf die Sauberkeit ihrer Waffen achteten. Auf dem Rückweg zur Spitze der Kolonne sprach er seine drei Favoriten an und nahm sie sofort mit.

Sie wechselten für eine Weile in den Laufschritt um einen Vorsprung vor dem Rest der Truppe zu bekommen und verteilten sich dann in der Breite. Keiner stellte sein Kommando in Frage, obwohl zwei von ihnen nur einen Winkel weniger auf der Schulter trugen als Miguel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.