Freikorps Garibaldi – Die Wiege des Krieges Teil I.

Wachwechsel

 

Feldhauptquartier Freikorps Garibaldi

Towne, 3. März 3068

Felix Steuben öffnete die Augen. Aus dem Spiegel sah ihm ein übermüdetes und von Zweifeln geplagtes Selbst entgegen. Eine Rasur wäre mal wieder fällig. Es war jetzt fast sechs Wochen her, dass die Streitkräfte von Word of Blake Towne angegriffen hatten.

Showtime! Er nahm die Schultern zurück und betrat den Briefing-Room. Unter dem geräumigen Zelt, welches sich an die linke Seite des Mobilen Hauptquartieres der Söldnertruppe anschmiegte waren die leitenden Offiziere des Regimentes versammelt.

„ACHTUNG AN DECK!“

Steuben nickte Sergeant Major Fiona Grünberg, welche den verstorbenen Command Sergeant Major Liam St. Thomas vertrat, dankbar zu: „Bitte behalten Sie Platz meine Damen und Herren.“

Er trat hinter das Pult und musterte die Anwesenden. Viel zu viele bekannte Gesichter fehlten und andere, jüngere Offiziere nahmen nun die Posten der fehlenden Freunde ein.

„Sergeant Major Grünberg“, Steuben zog ein gefaltetes Stück Papier aus der linken Brusttasche, „wenn Sie dies hier bitte vorlesen würden.“

Grünberg nahm den Brief entgegen und faltete das Blatt auseinander: „Zu Befehl, Sir! An: Major Felix Steuben, CO 2. Bataillon, Freikorps Garibaldi! Von: Colonel Allessandro Garibaldi, CO Freikorps Garibaldi! Hiermit werden Sie ersucht und angewiesen im Range eines Brevet Colonels das Kommando über das Freikorps Garibaldi bis zu meiner vollständigen Genesung zu übernehmen. Ihre Aufgabe ist es, erstens, die Verwundeten und Zivilisten zu evakuieren. Zweitens, den Widerstand gegen die Truppen von Word of Blake aufrecht zu erhalten und drittens, die Kampffähigkeit des Regiments bis zum Eintreffen von Entsatztruppen aufrecht zu erhalten. Gezeichnet Allessandro Garibaldi, heutiges Datum.“

Leises Gemurmel erhob sich. Steuben ließ sie einen Moment gewähren, ehe er das Wort ergriff: „Auf Anweisung des Eigentümers des Regimentes, übernehme ich hiermit das Kommando über das Freikorps. Wie Sie sich alle denken können, stehen einige schwerwiegende Entscheidungen an. Unser erstes Bataillon hat die schwersten Verluste hinnehmen müssen. Dennoch ist es unser erstes Bataillon und als solches hat es die längste Tradition, die ehrwürdigste Kampfhistorie und so sehe ich mich schweren Herzens gezwungen, The Big Red One mit Mechkriegern aus meinem… aus dem zweiten Bataillon aufzufüllen. Ebenso wird Major McCool’s Bataillons mit Soldaten des zweiten Bataillons aufgefüllt. Damit wird das zwote aufgelöst. Die Flaggen werden eingerollt und dem HQ übergeben, bis es wieder aufgestellt wird.

Captain Christian von Schaar wird zum Major befördert und übernimmt das erste Bataillon. Captain Marisha Steele, wird als sein XO fungieren.

Als nächster Punkt: Major Steven McCool übernimmt mit sofortiger Wirkung den Posten meines Stellvertreters.“

Das sorgte für einige hochgezogene Augenbrauen, da Steuben und McCool alles andere als ein harmonisches Verhältnis pflegten.

„Captain Hugh Coglin übernimmt den Posten als mein Stabschef, Major von Schaar wird Sie einweisen. Sergeant Major Grünberg rückt zum Command Sergeant Major auf.“

Die letzten beiden Punkte fanden die Zustimmung aller. Grünberg war schon seit Jahren darauf vorbereitet worden, St. Thomas auf seinen Posten zu folgen und Coglin, der einzige Unversehrte aus Colonel Garibaldis Befehlslanze, genoss im ganzen Regiment großen Respekt. Zum einen für seine Fähigkeit als Mechkrieger zum anderen als seelsorgender Regimentsgeistlicher.

„Soviel zum vorläufigen Personalroulette, Herrschaften. Als erstes steht nun die Evakuierung unserer Verletzten an. Major Klein, die Einsatzplanung dafür lege ich in Ihre Hände, nutzen Sie dafür so viele Ihrer Luft-/Raumjäger wie nötig. Major Papadoupolos wird Ihnen Infanteristen für den Entereinsatz zur Verfügung stellen. Die SpecOps-Jungs stehen dafür nicht in Frage, die brauche ich hier am Boden.“

Die beteiligten Offiziere kritzelten auf ihren Schreibblöcken hastig Notizen. Steuben hingegen ging kurz auf und ab, ehe er sich erneut an seine Leute wandte: „Sie alle wissen oder können zumindest erahnen, was vor uns liegt. Colonel Garibaldi hat befohlen, den Widerstand fortzusetzen. Herrschaften, wir stehen vor einem ernsten Problem, die taktische Doktrin dieses Regiments lässt sich letztlich auf ein einziges Wort beschränken: Angriff.

Unsere Organisation, unsere Ausbildung und unser Equipment sind nicht dazu ausgelegt, durch den hiesigen Dschungel zu stolpern und hasch mich zu spielen.

Allein die Versorgung unserer Leute würde uns größte Schwierigkeiten bereiten. Colonel Garibaldi hat angeregt, die Volksmiliz zu kontaktieren und diese um Zusammenarbeit zu bitten, damit wir operationsfähig blieben.“

Steuben pausierte kurz und blickte in eine Reihe skeptischer Gesichter. Die Offiziere des Freikorps sahen sich als echte Profis. Professionelle Berufssoldaten, die keiner oder nur wenigen Hauseinheiten nachstanden. Der Gedanke auf irgendwelche Milizionäre und Buschräuber angewiesen zu sein, gefiel keinem von ihnen.

„In Anbetracht unserer Lage denke ich, dass wir zumindest Kontakt mit diesen… hm, Leuten aufnehmen sollten. Das wird Ihre Aufgabe sein Captain Hedoshi. Nehmen Sie Kontakt mit den im Hinterland befindlichen Milizen auf und organisieren Sie für mich ein Treffen mit den wichtigsten Anführern.“

Der Kommandeur der kleinen Special Operations Group nickte nur kurz.

Sie haben achtundvierzig Stunden, das Regiment neu zu strukturieren und Ihre Bataillone so zu organisieren, dass wir schnell verlegen können.

Dann erwarte ich auch die Pläne für die Evakuierung der Verwundeten. Fragen?“

Einer von McCools Kompanieführern hob den Arm: „Sir, wird Colonel Garibaldi mit den anderen verwundeten mit evakuiert.“

Steuben fixierte den Captain fest: „Colonel Garibaldi hat beide Beine verloren und glauben Sie ich würde für Ihn eine Ausnahme machen, wenn die Verwundeten evakuiert werden?“

Unheilvolles Gemurmel kam auf. Es war wirklich keine gute Botschaft für das Regiment, wenn der eigentliche Kommandeur und Eigentümer ausgeflogen wurde, während die Truppe noch kämpfte.

Marisha Steele die einzige noch einsatzfähige Kompanieführerin des eben aufgelösten zweiten Bataillons blickte ihre unschlüssigen Kameraden voller Verachtung an.

Auch von Schaar sah ziemlich empört aus.

Doch bevor Steuben der Kragen platzte erhob Steven McCool auf ungewohnte Weise die Stimme: „RUHE AN DECK! Wenn keiner mehr Fragen hat, können Sie wegtreten!“

Es war merkwürdig, welche Wirkung es auf Leute haben konnte, wenn jemand der als ausgeglichen und friedliebend galt dann irgendwann doch die Stimme erhebt.

Teils eingeschüchtert und teils konsterniert verließen die rangniederen Offiziere das Zelt. Die Majors Klein und Papadopulos zogen sich in den hinteren Teil zurück, winkten den Cheftech heran und begannen zu beratschlagen.

McCool wechselte noch mit ein paar Offizieren einige Worte und kam dann auf Steuben zu.

„Colonel“, dabei klang er als habe er sich an einer Zitrone verschluckt, „ich möchte mich für Ihr in mich gesetztes Vertrauen bedanken, aber… Felix, sind Sie sicher, dass Sie mich als XO haben wollen? Oder war das ein Befehl von Garibaldi.“

„Colonel Garibaldi hat Sie empfohlen, Steven. Ich kann Christian nicht über Sie hinweg befördern und ich brauche jemanden, der bei ihm die Zügel etwas straffer hält. Die Sache mit Kathi hat ihn sehr mitgenommen.“

„Die hat uns alle mitgenommen, aber ist es dann überhaupt klug ihm ein Bataillon zu geben?“

Die beiden Offiziere musterten sich gegenseitig. McCool war etwas kleiner, dafür etwas breiter in den Schultern. Haare und Schnurrbart waren Pechschwarz, die Augen von einem Vertrauen erweckenden braun. Er war ein ruhiger, überlegender Mann, auf seine Weise raffiniert und ein verteufelt guter Mechkrieger.

Felix Steuben erreichte fast einen Meter achtzig, hatte schmutzig braune Haare und unergründliche, graue Augen, die ein grausames Funkeln annehmen konnten. Er wirkte fast mager. Er galt als aufbrausend und aggressiv, was sich auch an seiner Kampfweise wiederspiegelte. Sowohl als Einheitsführer als auch als Mechkrieger.

Die beiden Männer waren noch nie gut miteinander ausgekommen, seit sich vor gut zehn Jahren ihre Wege gekreuzt hatten.

„Können Sie mir eine Alternative nennen, Steven?“

Wenn McCool über dieses kleine Eingeständnis verwundert war, so zeigte er es nicht. Zu der Frage an sich kamen ihm sofort ein paar Namen in den Sinn, doch leider viel ihm zu jedem dieser Namen auch ein Kürzel ein: KIA, WIA oder MIA.

„Nein, im Moment nicht, Sir“, McCool schüttelte leicht den Kopf, „Und wie soll das mit uns beiden als Team klappen, Felix?“

„Sie passen sich meinem Stil so gut es geht an und versuchen mich zu beeinflussen, so gut Sie es vermögen. Der Colonel meinte, ich bräuchte jemanden, der mein… ah, Temperament etwas ausbremst.“

McCool hob eine Augenbraue.

„Der Alte hat immer gewusst, was das Beste für die Einheit ist. Er wusste Kathi und mich zu lenken und er wusste Sie zu führen. Ich vertraue seinem Rat blind.“

„Ich bin wirklich überrascht, Felix.“

„Ja, ja ich auch aber ich habe eine Lektion in Sachen Demut gelernt.“

Der Major schnaufte amüsiert: „Und die wäre?“

Steuben klopfte auf das Rednerpult: „Die Seite, hinter der man steht, macht eine ganze Menge aus.“

„Verstehe.“
 

Feldhauptquartier Freikorps Garibaldi

Towne, 5. März 3068

Das eigentliche MHQ des Freikorps war über dreihundert Jahre alt und die Wand zur Fahrerkabine hin zierte das Emblem der siebten Syrtis Fusiliers, welche den zweiten Nachfolgekrieg nicht überlebt hatten. Das Fahrzeug war einst ausgeschlachtet worden und sein Reaktor in einen leichten Mech eingebaut worden.

Irgendeine Söldnereinheit, die nicht einmal ihren Namen in den Geschichtsbüchern hinterlassen hatte, hatte das MHQ wieder in Dienst gestellt und es mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet.

So hatte das Freikorps es auf Outreach für einen Appel und ein Ei erstanden.

Vor einigen Jahren hatte das Freikorps es dann geschafft, dass der Reaktor eines abgeschossenen Locusten übrig war und man hatte das MHQ begonnen aufzurüsten. Neue Computer- und Kommunikationskonsolen, eine neuer Kartentisch und vieles mehr. Die C3-Einrichtungen des Freikorps waren besser denn je, doch reichten sie nicht mal annähernd an das Equipment heran, welches das MHQ zu seiner Indienststellung besessen hatte.

Natürlich hatte Alessandro Garibaldi auch für eine neue state-of-the-art Kaffeeversorgung gesorgt und im Scherz damit geprahlt, dass die Coffee-Service-3044 reinste Lostech war. Felix Steuben hasste diesen Kaffeevollautomaten, der, wenn man ihn anschaltete, anfing zu rasseln und zu rattern, als wenn er die Bohnen gerade einzeln zu Pulver zerstampft und immer exakten Einheitsbrei servierte.

Aber damit war vor zwanzig Minuten Schluss gewesen und unter Beifall der Komtechs und Stabsoffiziere hatte er befohlen den Coffee-Service-3044 zu entfernen und zu erschießen.

An dessen Stelle gurgelte jetzt glücklich eine konventionelle Kaffeemaschine vor sich hin.

Steuben war gerade dabei mit einem Nachrichtendienstler die Daten über einen Stützpunkt der Towne Air Ranger, einem Teil der so genannten Volksmiliz, einzupflegen, als Marisha Steele das MHQ betrat.

Selbst die ehemalige Clankriegerin, die ansonsten durch nichts zu erschüttern schien, sah durch die Geschehnisse der letzten Wochen mitgenommen aus.

Sie blieb gut einen Schritt vor dem Kartentisch, welcher die Mitte des MHQ dominierte, stehen, wartete einen Augenblick, bis sie sicher war, dass Steuben sie zur Kenntnis nahm. Dann legte sie die rechte Hand zum Salut an. In der linken Armbeuge trug sie einen dreieckigen Holzkasten: „Colonel Felix Steuben, melde mich zur Übergabe der Bataillonsfahnen.“

Steuben erwiderte den Salut andeutungsweise und nahm den Kasten entgegen. Etwas wehmütig blickte er hinein. Er enthielt vier Flaggen zu sauberen Dreiecken gefaltet: Die seines ehemaligen Bataillons, der New Capetown Ulanen und aller drei Kompanien.

„Gut, sehr gut“, für einen Moment war er versucht die Clanerin einfach so wieder abtreten zu lassen, „wie Macht sich Major von Schaar?“

Steele konnte man ansehen, dass er sie etwas aus der Fassung gebracht hatte: „Sir?“

Der frischgebackene Colonel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: „Wie schlägt er sich? Ist er bei der Sache oder wirkt er abwesend?“

„Major Christian von Schaar ist ein erfahrener Offizier und ein guter Organisator, er ist fleißig und hält mich auf Trab, Sir. Aber das wissen Sie oder Colonel?“

„Setzen Sie sich, Captain“, Steuben deutete auf einen der Stühle und nickte dem Stabsoffizier zu seiner Linken zu, der sich daraufhin zurückzog, „ich mache mir Sorgen um den Major und ob er zurzeit nicht zu sehr unter Strom steht. Ich mache mir Gedanken, ob ich ihm nicht zu viel zumute. Wie erkläre ich es Ihnen bloß…“

„Dass dem Major der Tod seiner Geschkin… seiner Schwester nahe geht? Lieutenant Colonel Katharina von Schaar war die herausragenste Offizierin, die dieses Regiment hatte. Sie hatte einen besseren, einen würdigeren Tod verdient als an den eigenen Eingeweiden aufgehängt zu werden. Die Blakisten sind Barbaren, Bestien die den Kriegertod nicht verdienen und wenn Christian von Schaar sein Recht auf Rache einfordert, dann wird das gesamte Bataillon hinter ihm stehen! Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“

Ihre Stimme war so voller Überzeugung, dass Steuben fühlte, wie sich Gänsehaut auf seinen Armen bildete. Vielleicht glaubte sie auch, dass er genau dieses hören wollte. Tatsächlich regte sich das seltene Gefühl von Stolz für Marisha Steele und vor zwei Monaten hätte er genau diese Meinung auch vertreten, dass gestand er sich ein. Ja er wollte die Blakies bluten sehen. Tatsächlich dürstete er danach Präzentorin Cassandra Norwood den dünnen makellosen Hals zu brechen.

„Ich hoffe, Sie und der Major vergessen darüber nicht ihre Pflicht gegenüber ihren Leuten“, ätzte Steuben schärfer als er wollte, der Gedanke an Norwood hatte erneut den tief sitzenden Hass auf die Blakisten entfacht.

„Neg, Colonel und ich hoffe Captain Hugh Coglin kann Sie im Zaun halten!“

Er funkelte sie wütend an und sie begegnete ihm mit kaltem Blick, nicht bereit nachzugeben oder zurückzustecken.

„Gut, dann können Sie wegtreten, Captain!“

Steele erhob sich und legte die Hand zum Salut an. Der Gruß war so dermaßen Korrekt, dass er nicht anders als Insubordination sein konnte. Dennoch zwang sie ihn damit aufzustehen und den Gruß zu erwidern. Es gab kaum eine größere Sünde für einen Offizier des Freikorps als eine Ehrbezeugung nicht zu entgegnen.

Das Freikorps war seit den ersten Tagen seiner Gründung eine Kampfeinheit gewesen und so hatte Colonel Garibaldi dafür gesorgt, dass die Kontrakte, welche das Regiment ausführte auch entsprechend waren.

Man war von Schlachtfeld zu Schlachtfeld gereist und im Laufe der Jahre hatten sich gewisse Grundsätze und Traditionen herausgearbeitet. Dinge, welche der Einheit ihre Identität gaben.

Man hatte gelernt welche militärischen Formalismen wichtig waren und welche nicht. Wenn man über siebzig Prozent seiner Zeit im Kriegsgebiet zubrachte, wurde entsprechend selten salutiert. Die Offiziere des Freikorps führten von vorne und durch persönliches Vorbild.

Die Kommandanten springen beim Kampfabwurf zuerst ab.

Solange er diese Ideale hochhielt, würde das Freikorps kämpfen und Alessandro der alte Fuchs wusste, dass er, Felix Steuben, eher sterben würde als die Traditionen des Regimentes zu beschmutzen.

Zur Fortsetzung.

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