these boots are made for wading – Teil VI: Das Urteil

Als ihm die beiden Soldaten der Hafenpolizei sagten, sie würden ihn vor den Alten Mann bringen, hatte er gedacht, seinem Bataillonskommandeur zu begegnen oder falls sich dieser Major zu schade war um sich mit einem aufmüpfigen Rekruten zu beschäftigen, noch eher dem Subteniente, der die Ausbildung seiner Kompanie leitete. Dass Miguel nun in einem Raum mit dem Comandante stand, hatte er nicht erwartet. Neben dem Comandante saßen ein streng blickender Mann und eine Frau, die ihm seltsamerweise bekannt vorkam und nicht minder streng dreinblickte. Die behandschuhte Rechte des Comandante lag ruhig auf dem Tisch an dem die drei Offiziere saßen. Seine Linke hielt einen eleganten Stift, bei dem Miguel nicht bezweifelte, dass alles was glänzte, echtes Gold war.
Ohne dass ihm jemand das Kommando dazu hätte geben müssen, verfiel er in die ordentlichste Habacht-Haltung seines Lebens. Die beiden Soldaten salutierten und meldeten die Übergabe.
„Danke, Sie können wegtreten.“ Auf den Hacken wendend machten die Militärpolizisten kehrt und postierten sich vor dem Raum bis man sie wieder brauchte. Oder sie würden schon einmal den Strick in Miguels Kragenweite heranschaffen um später Zeit zu sparen. Den Blick auf einen imaginären Punkt irgendwo oberhalb der weißen Haare des Comandante gerichtet, drehten sich Miguels Gedanken um seinen vom Galgen baumelnden Körper.
„Rekrut Miguel Terraza“, sprach ihn der Comandante an.
„Sie wissen, weshalb Sie vor dieses Tribunal gebracht wurden?“
„Jawohl, Comandante. Um die Konsequenzen meines gestrigen Verhaltens zu tragen.“ Miguel staunte über sich selbst, dass er seinem Tod so selbstverständlich ins Auge sehen konnte und diese Antwort ohne ein Stottern herausbrachte. Ja verdammt! Er war in einer armen Familie aufgewachsen und seine Eltern gekrümmt von der langen und schlecht bezahlten Fabrikarbeit, aber er würde als aufrechter Mann sterben!
„Das trifft es sehr gut, Rekrut.“ Die Pause, die Ferrer nach diesem kurzen Satz einlegte, ließ wieder die Bilder eines kräftigen Hanfseils in Miguel hochkommen. Doch ehe sich die Schlinge um seinen Hals zuzog, sprach der Comandante weiter.
„Es geht jedoch nicht nur um das, was Sie gestern getan haben. Ich habe noch andere Berichte über Sie erhalten. Der erste betraf einen Vorfall auf einem Hindernisparcours. Sie und zwei weitere Rekruten haben mehreren Kameraden dabei geholfen, die einen Nervenzusammenbruch erlitten haben. Ich frage Sie daher direkt: Warum haben Sie das getan?“ Miguel hatte nicht erwartet, dass er noch zu etwas befragt werden würde, das bereits über zwei Monate vergangen war. Damals hatte es ihm keine höhere Strafe eingebracht, als zusammen mit Luis außer ihren eigenen noch sämtliche Gewehre der Ausbilder reinigen zu müssen. Dass heute auch dies noch gegen ihn verwendet wurde, ließ ihn abermals vom Schlimmsten ausgehen. Der Comandante wollte offensichtlich bereits jeden Gedanken daran, es könnte Milde gewährt werden, im Keim ersticken und aufzeigen, dass Miguel nicht nur einen einzelnen Fehltritt begangen hatte, sondern bereits früher aufgefallen war.
„Comandante, ich… ich hatte nicht lange darüber nachgedacht. Ich hielt es für das Richtige, zu helfen. Ich wollte, dass die ganze Kompanie es schafft.“ Der Comandante wartete einen Moment darauf, ob Miguel noch mehr zu seiner Verteidigung zu sagen hätte.
„Wenn dies das einzige Mal gewesen wäre, bei dem ich Ihren Namen gehört habe, hätte ich diesen schnell wieder vergessen. Zwei Wochen nach diesem Vorfall lag mir wieder ein Bericht vor, in dem Sie eine Rolle spielten. Hier haben Sie einen Kameraden dazu gebracht, seinen Austritt aus der Marineinfanterie zurückzunehmen.“ Ferrer sprach diesmal die Frage nicht aus, doch Miguel war klar, dass er sich ein weiteres Mal rechtfertigen sollte.
„Comandante, das war Rekrut Sanchez. Er hatte sich mit Rekrutin Moyo angefreundet, die jedoch leider ausgemustert wurde.“
„Widersprechen Sie der Ausmusterung der Rekrutin?“ Es war es der Major zu Ferrers Linken, der das Wort an Miguel richtete.
„Nein, Major. Sie hatte schon zu Beginn der Ausbildung sportlich nicht mithalten können und hat das auch nicht aufholen können. Die Marineinfanterie hat die höchsten Ansprüche und das… das schafft nicht jeder.“ Er hatte das Gefühl, der Major habe geplant, dass Miguel selbst die hohen Anforderungen an die Rekruten der Marineinfanterie aussprechen musste. Das würde ihm die weitere Verteidigung nur noch schwieriger machen, wenn es nicht ohnehin schon aussichtslos war. Das selbstgefällige Grinsen des Majors bestätigte ihn in dieser Annahme.
„Fahren Sie fort, Rekrut.“
„Jawohl, Comandante. Rekrut Sanchez wollte ihr zurück ins zivile Leben folgen und ich sprach mit ihm woraufhin er seine Entscheidung wieder änderte.“ Wieder herrschte einige Augenblicke lang Stille, ehe der Comandante diese unterbrach.
„Sie haben noch nicht erklärt, wieso Sie das getan haben.“
„Comandante, ich fand, dass Sanchez noch eine Zukunft in der Marineinfanterie hat. Ich wusste auch, dass er keinen Schulabschluss hat und als Zivilist nicht weit kommen würde. Er ist aber ein guter Soldat und der beste Schütze der Kompanie. Ich wollte ihn nicht verlieren und dass er sich seine Zukunft nicht zerstört.“
„Rekrut Terraza, haben Sie die Berichte Ihrer Ausbilder über Rekrut Sanchez gelesen?“ Wieder war es der Major, der eine Zwischenfrage stellte.
„Nein, Major.“
„Wie kommen Sie dann darauf, dass Rekrut Sanchez Chancen hat, die Ausbildung durchzustehen?“
„Es… Major, es ist nur meine persönliche Meinung.“ Der Major machte ihm Angst. Hatte Miguel noch vor wenigen Minuten gedacht, er könne das Urteil dieses Tribunals mit Fassung tragen, so geriet seine Zuversicht nun ins Wanken. Was könnte man ihm Schlimmeres antun als ihn an den Galgen zu bringen?
„Kommen wir zum dritten Fall. Bei der ersten Manöverübung im Kriegshafen von Puerto Rojo haben Sie das Kommando über Ihre Kompanie übernommen obwohl Ihnen niemand die Befugnis dazu gegeben hat. In dieser Situation haben Sie außerdem Ihrer Kompanie befohlen, ein Gebäude zu betreten, das eindeutig als zu schützend galt und während des Manövers nicht betreten werden durfte.“
„Comandante, uns wurde gesagt, dass wir nicht in die Gebäude hinein durften. Dass wir auch nicht auf diese steigen durften, war uns nicht bekannt.“
„Sie haben nicht erklärt, weswegen Sie das Kommando über ihre Einheit übernommen haben“, mischte sich die Offizierin zu Ferrers Rechten ein. Woher kam ihm denn nur ihr Gesicht so bekannt vor? Er war sich sicher, noch nie zuvor einer Offizierin der Seestreitkräfte begegnet zu sein.
„Major, irgendjemand musste es tun. Die Anderen folgten mir und Rekrut Barcina auch von unserem Mannschaftsbus aus, da… wir gingen einfach voran und der Rest der Kompanie folgte. Wir haben nicht wirklich etwas befohlen.“ Wieder eine für Miguel quälende Pause. Er konnte nicht einmal mehr sagen, ob diese hier länger war als die vorhergehenden oder ob er es nur so verzerrt wahrnahm.
„Im dritten Bataillon hatte ebenfalls ein Rekrut die Führung übernommen. Auch dieser sagte gegenüber diesem Tribunal aus, er sei nur vorangegangen. Er sagte auch aus, dass er einer der ersten war, die in dem Angriff auf die Stellungen der Brigaden gefallen war.“ Der Comandante blickte in eine vor ihm liegende Akte, blätterte zwei Seiten weiter und fuhr mit dem Zeigefinger über die Zeilen.
„Dieser eine Angriff führte bereits zu 25 simulierten Verlusten. Danach war das Dritte Bataillon völlig führerlos und rückte nicht weiter vor. Sie, Rekrut Terraza, sind dagegen mit Ihrer Kompanie von Gebäude zu Gebäude weitergewandert und…“ Ferrer las wieder in dem Bericht nach.
„…und haben dabei insgesamt sieben MG-Stellungen ausgeschaltet. Aber Sie haben auch bei jedem dieser Angriffe Leute verloren. Als Ihnen die Männer ausgingen und auch Sie selbst einen Treffer erhalten hatten, brach Ihr Vorstoß vollkommen zusammen. Die Brigadiere konnten dadurch sämtliche Stellungen, die Sie zuvor mühsam geräumt hatten, wieder besetzen. Letztlich führte das sogar dazu, dass auch noch das Dritte überrannt wurde. Wie erklären Sie das, Rekrut?“ Miguel hatte das Gefühl, dass man ihm einen rostigen Haken in den Leib gerammt hatte und nun kräftig darin herumrührte. Bald würde er den Galgen begrüßen anstatt sich diesem Verhör weiter unterziehen zu müssen. Den deutlichsten seiner Fehltritte hatte der Comandante dabei noch nicht einmal angesprochen.
„Comandante, …“ begann Miguel und musste schlucken. Seine Kehle war mit einem Mal knochentrocken.
„Comandante, die anderen Rekruten aus meiner Kompanie kennen mich und ich kenne sie. Ich habe sie so eingesetzt, wie ich dachte, dass sie ihre Stärken am besten nutzen konnten. Das Dritte wäre mir nicht gefolgt. Mit ihnen wären wir zwar weiter gekommen, aber das hätte ich nicht gekonnt. Sie haben sich auf uns verlassen, aber allein haben wir es nicht geschafft.“
„Rekrut Terraza“, sprach ihn die Offizierin an.
„wenn Sie noch einmal in derselben Lage wie bei Ihrer Ankunft am Hafen wären. Das Dritte festgenagelt und das Zweite durch das Hafenbecken von Ihnen getrennt einer Übermacht gegenüberstehend. Was würden Sie tun?“
„Major, ich denke, ich hätte versucht, das Dritte dazu zu bringen, die Stellungen, die wir den Brigaden genommen hatten, zu besetzen. Aber dort war keiner mehr, der das hätte koordinieren können und für mich wäre das zu viel gewesen. Ich hätte nicht jedem in meiner Kompanie Anweisungen geben können und mich auch noch um das Dritte kümmern.“ Miguel hatte seine Gefühle wieder besser unter Kontrolle. Das Gedankenspiel, das Manöver noch einmal neu zu überdenken, hatte ihn von seinen düsteren Vorahnungen beinahe vollständig abgelenkt. Noch einmal dachte er daran, wie er immer zwei Mann vorgeschickt hatte um nicht wie das Zweite in einen Hinterhalt zu geraten, wie er immer Sanchez die beste Schussposition zugeteilt hatte, weil dieser der beste Schütze war und wie er immer Luis dazu eingesetzt hatte, kleinere Trupps anzuführen, die nach der Räumung einer Stellung bis zu dieser vorrücken sollten, während er das Deckungsfeuer von den Dächern koordiniert hatte. Eigentlich hatte das alles gut funktioniert. Nur war irgendwann das Zweite von den Brigaden aufgerieben worden und dann hatten diese ihre Truppen gegen Miguels Kompanie geschickt. Diesem Ansturm hatten sie nichts mehr entgegenzusetzen. Dadurch waren zuerst sie und zuletzt das Dritte geschlagen worden. Die beiden anderen Kompanien des Ersten hatten sich mit dem Zweiten vereint und dessen Schicksal geteilt. So war ihr gesamtes Regiment im Manöver besiegt worden.
„Rekrut, wir kommen zum letzten Punkt auf unserer Liste. Dieser betrifft Ihr Verhalten auf dem zweiten Manöver im Kriegshafen von Puerto Rojo. Ihnen wird vorgeworfen, einen direkten Befehl Ihres Vorgesetzten missachtet zu haben. Haben Sie etwas dazu zu sagen?“ Miguel wusste nicht, was er sagen sollte. Es stimmte. Bei allen anderen Vorwürfen hatte er sich irgendwie rechtfertigen können. Doch diesmal hatte er nur eine sehr schwache Ausrede zur Hand und dennoch sah er keinen anderen Ausweg als wenigstens diese auszusprechen.
„Comandante, ich hatte mich an den Befehl des Sargento gehalten bis dieser einen Treffer erhielt und aus dem Manöver ausschied.“
„Rekrut, wie lautete der Befehl Ihres Vorgesetzten?“
„Comandante, ich solle nicht auf das Dach eines Lagerhauses steigen“, antwortete Miguel mit heiserer Stimme. Seine Nerven würden bald ihren Dienst versagen. Die drei Offiziere vor ihm brachten ihn völlig durcheinander. Mal drängten sie ihn in eine Ecke, dann wieder fragten sie ihn zu Manöverkritik aus. Das ergab für ihn keinen Sinn.
„Und wieso hat der Sargento Ihnen diesen Befehl gegeben?“
„Comandante, ich hatte ihm vorgeschlagen, die Lagerhäuser als Verteidigungspositionen zu besetzen, wie wir es umgekehrt bei der Angriffsübung getan hatten. Ich wollte nicht, dass unsere eigene Vorgehensweise gegen uns verwendet würde.“
„Und nachdem der Sargento ausgefallen war, haben sie genau das dann doch getan?“
„Ja, Comandante.“
„Hatte diese Vorgehensweise Erfolg?“
„Nein, Comandante“, musste Miguel zugeben. Zweimal hatte er in Manövern in Abwesenheit von Höherrangigen das Kommando über seine Kompanie übernommen und beide Male hatten sie verloren. Und dieses Mal kam zum Versagen noch die Befehlsverweigerung hinzu.
„Wieso hatten Sie dem Sargento vorgeschlagen die Dächer zu besetzen, wenn es doch scheiterte?“
„Comandante, die Angreifer hatten Scharfschützen auf die Dächer geschickt, die wir erst ausschalten mussten. Und während etwa die Hälfte von uns damit beschäftigt war, konnten die Brigadisten unsere Linie durchbrechen und uns umzingeln.“ Der Comandante blickte zuerst zur einen, dann zur anderen Seite und wieder auf Miguel.
„Rekrut, das Tribunal wird sich beraten. Sie verlassen den Raum und werden sich draußen auf dem Flur aufhalten bis Sie gerufen werden.“
„Jawohl, Comandante.“

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