these boots are made for wading – Teil XIII: Die Nacht

Miguels Gedanken kreisten um den bevorstehenden Angriff. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er einen Angehörigen des Feindes gesehen. Jedenfalls nicht Auge in Auge sondern nur in Videos oder auf Bildern. Er erwartete auch nicht, dass sich daran in dieser Nacht etwas ändern würde. Ihre Kampfmaschinen würden über sie hinwegrollen oder sie niedertrampeln. Der Feind müsste gegen die geringe Zahl an Soldaten auf der Kaserne nicht einmal das Feuer eröffnen. Oder der Feind konnte sie aus sicherer Entfernung unter Beschuss nehmen ohne Gegenfeuer befürchten zu müssen.

Und Miguels Erwartung, keinen Umayyad zu sehen wurde jedoch auf eine andere Art und Weise wahr. Über Funk kam der Befehl zum Rückzug. Ein ungläubiger Soldat bat um Bestätigung der Order und bekam diese prompt. Sie alle sollten ihre Positionen aufgeben, so viele Waffen mitnehmen wie sie tragen konnten und die Kaserne verlassen. Das Waffenlager würde in wenigen Minuten gesprengt.

Das Kommando hatte ein Captain aus dem vierten Bataillon übernommen. Warum dieses nicht mehr bei Major Rojo lag, wurde ihnen nicht erklärt. Miguel war es jedoch nur recht. Er konnte den Major nicht leiden und wollte sein Leben nicht von dessen Befehlen abhängig machen. Dafür stand Miguel nun vor der Entscheidung, welche Waffen er einpackte und welche nicht. Die Handgranaten boten natürlich verführerisches Potential, waren aber auf größere Entfernung nutzlos. Die Kurzstreckenraketen würden sie bitter nötig haben, wenn der Feind seine laufenden Kampfmaschinen oder anderes schweres Gerät ins Feld führten, waren aber wenig mehr als Feuerwerk, wenn sie es mit Infanterie zu tun bekommen würden. Das Maschinengewehr war nur zur Verteidigung zu gebrauchen, für einen Sturmangriff aber viel zu sperrig, da man stehend oder gar laufend damit nicht gezielt schießen konnte. Sein Sturmgewehr bot die geringste Feuerkraft, war aber auch die deutlich leichteste Waffe und würde ihn am wenigsten behindern.

Er entschied sich dafür, nicht alle Entscheidungen zugleich zu treffen. So machte er das Maschinengewehr unbrauchbar, nahm sein Sturmgewehr und den Raketenwerfer, packte sich noch ein paar Granaten in den Rucksack und benutzte die übrigen als Sprengfallen an der Stellung, die sie bis gerade eben noch zu verteidigen gedacht hatten. Sein Kamerad nahm außer seinem Sturmgewehr noch so viel Munition für den Raketenwerfer mit wie er tragen konnte. Sie nickten einander zu und verließen die Stellung.

Sie bestiegen einige Fahrzeuge, doch vergrößerte dies nicht ihre Möglichkeit, Waffen und Munition mitzuführen. Fahrzeuge waren zu einfach zu erkennen, vor allem aus der Luft, aber sie würden so einen kleinen Vorsprung herausholen ehe es zu Fuß weitergehen würde.

 

Sie hatten gerade eine Brücke überquert als sie Halt machten. Hier stiegen sie ab und ließen die Fahrzeuge neben der Brücke in den Fluss rollen. Sie hofften, so ihre Spuren zu verwischen. Außerdem wurde auf dieser Seite des Flusses das Gelände vorteilhafter für sie.

Die meisten Bewohner Córdobas waren arm und mussten hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Der zwar nicht immer offensiv geführte, aber doch stets lauernde Krieg war Schuld daran. Dennoch fehlte es den Menschen nicht an der Motivation, die wenigen Festtage im Jahr gebührend zu feiern. Daher war es nicht verwunderlich, dass es in dieser Gegend ausgedehnte Baumschulen gab, die den großen Bedarf an Weihnachtsbäumen deckten.

In dieser Nacht jedoch sah Miguel die Gesichter lachender Kinder, wie sie um die alljährlich brennenden Bäume tanzten, sondern er sah ein äußerst seltsames Schlachtfeld, das er instinktiv in Feuerbereiche für einen Zug Marineinfanteristen einzuteilen versuchte. Es gelang ihm nicht. Zu planmäßig waren die Bäume gepflanzt worden. Stand man genau mittig zwischen vier Bäumen, konnte man in vier geraden Linien hunderte von Metern weit sehen, während jeder andere Blickwinkel versperrt war. Auch ihre Marschrichtung musste sich daran anpassen. Schräg durch diese Plantage konnten sie nicht marschieren, es sei denn, sie wären Schlangenlinien gelaufen.

Miguel war sich auch sicher, dass hier jede Reihe aussah wie die nächste und in der Dunkelheit der Nacht gab es überhaupt keine markanten Punkte an denen sie sich hätten orientieren können. Letztlch konnten sie nicht anders als so lange zu laufen, bis sie wieder aus der Baumschule heraustraten. Dennoch war es für sie besser hier zu sein als auf offenem Feld.

Als sie schließlich den Zaun erreichten, der das Gelände abgrenzte, konnten sie dahinter im Sternenlicht wieder den Fluss erkennen. Miguel hörte einen halb unterdrückten Fluch und brauchte einen Moment bis er den Captain erkannte, der nun in seinem Rucksack kramte und eine Karte herauszerrte. Das Licht einer abgedunkelten Taschenlampe wanderte in Zickzacklinien über das Papier. Miguel wollte neben den Offizier treten um selbst einen Blick auf die Karte zu werfen, da hörte er ein neues Geräusch, das die friedliche Stille der Nacht durchbrach. Es klang wie das weit entfernte Fauchen eines Raubtiers vermischt mit Donnergrollen, nur viel zu langanhaltend und gleichmäßig. Nein, nicht gleichmäßig sondern langsam anschwellend.

„Bomber!“ machte die Warnung flüsternd die Runde. Auch Miguel gab sie weiter. Sie konnten nur hoffen, dass die feindlichen Flieger sie nicht beachteten. Wenn man sie nachts losschickte, besaßen sie sicherlich Wärmebildgeräte und dem Rumoren nach zu urteilen war es eine ganze Staffel. So konnten sie sich auch nicht hinter den kleinen Weihnachtsbäumen verstecken, denn von irgendeiner Richtung aus wäre auf jeden Fall irgendeiner von ihnen zu sehen. Vermutlich aber würden sich die Bomber nicht um so eine kleine Truppe Soldaten kümmern, selbst wenn man sie gesehen hatte. Auf dem Rückflug konnte das aber anders aussehen. Da würden sie vielleicht noch den Rest ihrer Munition und Bomben an ihnen ablassen.

„Wir müssen hier weg!“ flüsterte Miguel eindringlich zu dem Captain. Dieser nickte kaum sichtbar in der Dunkelheit. Vorsichtig schaltete der Offizier wieder die Taschenlampe ein und versuchte erneut, anhand der Karte zu erkennen, wo sie sich befanden. Miguel starrte währenddessen unentwegt an den Himmel, doch es war aussichtslos dort etwas zu sehen. Zumindest dachte er das. Tatsächlich sah er nach nur wenigen Minuten Leuchten am Horizont. Grelle Linien wurden in den Himmel gezeichnet. Leuchtspurmunition aus Autokanonen. Dazwischen Explosionen. Aus dieser Entfernung konnten sie nur wenig erkennen und nichts hören, was das Schauspiel nur noch surrealer machte. Es hätte ein weit entferntes Feuerwerk sein können. Dann wurde es mit einem Mal sehr viel heller und eine halbe Minute später konnten sie doch den stark abgeschwächten Donner hören.

„Captain, das waren die Treibstoffbunker in Puerto Rojo“, sagte Miguel tonlos. Der Offizier stand auf und folgte Miguels Blick. Nach einer Minute schweigenden Starrens faltete der Captain die Karte zusammen.

„Wir bleiben den Rest der Nacht hier. Es macht keinen Sinn, weiter zu ziehen. Wir wissen zu wenig über die Lage und wissen nicht, wo der Feind ist. Wir könnten ihm direkt in die Arme laufen.“ Miguel stand es sich nur ungern ein, aber er musste dem Captain recht geben. Er übernahm die Aufgabe, die Wachen für die Nacht einzuteilen und suchte sich dann selbst einen der Bäume aus unter dem er es sich so gemütlich machte wie es nur möglich war mit einem Rucksack voller Handgranaten als Kopfkissen.

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