Kurzgeschichten

Das Land der roten Rosen – Teil VI: Vorbereitungen

Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2012 von DarkISI

Dieses Miststück hätte auch ein wenig präziser sein können. Seltsam. An der Ratte, wie Bassey wohl von der lyranischen Polizei genannt wurde, war kaum etwas nicht seltsam. Dieser schwarze Hühne sprach kaum ein Wort und wenn er es tat, waren es Kommentare oder Antworten wie man sie von keinem ungebildeten Piraten aus der Peripherie erwarten würde. Urban dachte nach und zweifelte über seine eigenen Gedanken. Nein, eigentlich sprach kaum etwas an Bassey für eine hohe Bildung, wohl aber für einen hohen Intellekt. Vielleicht machte gerade das auch die Befremdlichkeit seiner Äußerungen aus. Sie waren klug und logisch, entsprachen aber keiner Lehrmeinung. Die Wissenschaftler an Bord waren natürlich auch helle Köpfe, aber ihr Wissen stammte aus ihrem Studium, aus Büchern und allem worüber sich die lyranischen Akademien sonst noch austauschten. Ihre individuellen Leistungen bestanden nur darin, vorhandenes neu zu kombinieren und vielleicht noch aus neuen Daten und altem Wissen ein paar neue Erkenntnisse abzuleiten. Bassey dagegen besaß den Verstand eines Raubtiers mit einem Intellekt, der sich mit jedem dieser Akademiker messen konnte. Ohne Zugang zu Bildung hatte er seine geistigen Talente offenbar dazu genutzt, sich Fähigkeiten anzueignen, die ihn zu einem unberechenbaren und vor allem gefährlichen Gegner machen würden.
Urban hatte Pschorn dafür gehasst, ihn als Diplomaten zur Schiffscrew geschickt zu haben. Nach nur drei Tagen, und dabei drei Tagen bei mehr als einem G Beschleunigung, war er bald so weit, sich nach dieser Aufgabe zurückzusehnen. Bassey durfte diese Mission nicht überleben. Und er, Niklas Urban, würde den Abzug drücken müssen. Er hoffte inständig, dass sich eine gute Gelegenheit bieten würde. Er konnte nicht einfach warten, bis Bassey aufhörte, ein zahmes Lamm zu spielen. Pschorn hätte diese Bestie eigentlich schon aus einer Luftschleuse werfen sollen als die Sache mit Andreas passiert war. Aber ihr hochwohlgeborener und leider gut bezahlender Auftraggeber hatte seine schützende Hand über Bassey gelegt.
Das war, was Urban am meisten irritierte. Warum griff dieser Konzernmensch auf jemanden wie diesen Piraten zurück? Über ein paar Ecken, um es unauffälliger zu machen, hatte Urban in Erfahrung gebracht, dass Bassey nach einem überaus brutalen Banküberfall eine ganze Weile Katz’ und Maus mit Sicherheitskräften in der Wildnis gespielt hatte. Erfahrungen in einem solchen Überlebenskampf und Guerillataktiken hätten sich doch aber sicherlich über Söldner einwerben lassen. Oder war diese Möglichkeit dem Konzern nur zu teuer und darum griff dieser lieber auf die billigere Variante in Form eines Schwerverbrechers zurück?
Urban hatte auch versucht, Schwachstellen Basseys ausfindig zu machen. Alles was ihm bisher aufgefallen war, waren Narben in den Unterschenkeln die sehr bekannt nach Schussverletzungen aussahen. Wahrscheinlichen hatten die Sicherheitskräfte ihn so erwischt. Vielleicht ein Glückstreffer und dann noch eine Kugel ins andere Bein um sicher zu gehen. Urban wunderte sich, dass damals kein Soldat oder Polizist die Gelegenheit genutzt und die Sache zu Ende gebracht hatte.
Mehr war ihm bislang nicht aufgefallen. Doch sicherlich gab es auch in Basseys Bestienverstand Lücken, die sich ausnutzen ließen. Urban musste sie nur finden, doch dazu hätte er sich viel früher damit beschäftigen müssen. Die Reise war schließlich lang und zäh genug gewesen. Pschorn hätte ihm diesen Auftrag früher geben sollen. Miststück. Das würde sich noch rächen.
Er rieb sich die Schläfen und wälzte sich aus der Koje heraus. Nun, da sie wieder auf Schub waren, fiel ihnen allen wieder auf, dass man auf nackter Erde bequemer lag als auf den dünnen Fetzen die es wagten, sich als Matratzen zu bezeichnen. Auch rief die Beschleunigung bei vielen Kopfschmerzen hervor. Urbans dagegen entstammten den Gedanken zu Bassey, die ihn plagten.
Langsam schleppte er sich zu seinem Spind, öffnete das Zahlenschloss an dem kleinen Schließfach für private Geegenstände und prüfte zum wohl zehnten Mal seit er auf Bassey angesetzt wurde, die Funktion der beiden Pistolen, die er hier verborgen hielt. Erinnerungsstücke von Galatea. Irgendjemand, den die Polizei eines Tages verhaftet hatte, hatte diese Schmuckstücke in seinem Gepäck. Ihn hatte man losgeschickt, die Koffer dieses Unbekannten aus einer Abfertigungshalle zu holen und da er damals knapp bei Kasse gewesen war, hatte er die Gelegenheit genutzt, nach Wertvollem zu suchen. Er hatte auf die eine oder andere Packung mit Drogen spekuliert, die sich am Raumhafen schnell hätte zu Geld machen lassen. Stattdessen fand er die beiden Waffen zusammen mit ein wenig Munition. Ohne letztere hätte er damals auch ohne zu zögern die Pistolen gegen klingende Münzen getauscht, denn so wären sie nur nutzlos für ihn gewesen. Munition dieser Art hatte er weder zuvor noch bis heute irgendwo sonst gesehen. Sehr großkalibrig für so kleine Waffen. Die Reichweite schätzte er als äußerst gering ein, die Wirkung dagegen auf kurze Entfernung verheerend.
Er hörte das Klicken der Schlagbolzen. Alles funktionierte. Er hoffte, dass auch die Munition nicht versagen würde wenn es darauf ankam. Kurz spielte er mit dem Gedanken, die Pistolen zu laden und Bassey gleich zu erledigen um der Sache ein Ende zu bereiten. Er entschloss sich zu einem Kompromiss und verstaute die Waffen diesmal geladen. So würde er sie im Notfall schneller einsetzen können.
Die nächsten beiden Tage würde Urban weniger Zeit haben, sich mit Bassey zu beschäftigen. Dies bereitete ihm gleichermaßen Erleichterung wie Sorgen. Und weitere Kopfschmerzen. Die Vorbereitungen für die Landung mussten getroffen werden und er war nicht nur Pschorns Spitzel sondern auch einer ihrer Truppführer. Daher war er in der Pflicht, bei den Besprechungen zum Vorgehen vor Ort anwesend zu sein. Mehr noch, seine eigenen Leute würde er selbst instruieren müssen. Das kostete Zeit, die er nicht in Basseys Gegenwart verbringen würde.
Nach ein paar Dehnübungen schlüpfte er in eine Uniform und machte sich auf den Weg in die Messe. Es tat ihm gut, wieder einen klar definierten Boden unter den Füßen zu haben, auch wenn seine Gelenke protestierten. Dafür sah sein Gesicht nicht mehr aus wie ein aufgegangener Hefeteig und das Essen schmeckte nicht mehr nach Styropor. Nach zwei Bissen in das, was der Koch und die Schiffsuhr dreisterweise als Frühstücksbrötchen bezeichneten, zweifelte er jedoch daran, dieser Geschmackseindruck sei nur darauf zurückzuführen gewesen, dass seine Geschmacksnerven nicht gut auf Schwerelosigkeit zu sprechen waren.
Der Kaffee entschädigte ihn. Frisch gebrüht aus der Maschine, die ihm durch dieses Geschenk an seinen Gaumen sofort sympathischer erschien als jeder andere Mitreisende auf diesem Trip ins Nirvana.
“Immernoch eine Astronomische Einheit?“ hörte Urban aus einem Gespräch an einem benachbarten Tisch einen seiner Männer.
“Ziemlich genau. Und darum haben wir auch noch lange keine Wetterdaten oder sonst irgendetwas verlässlicheres außer der Tatsache, dass niemand unseren super geheimen Zielplaneten gesprengt hat“, antwortete ein Matrose.
“Na immerhin – dann sind die Weltraummonster wohl doch nur groß genug um Menschen und Radiosender zu fressen.“ Das folgende Gelächter klang erzwungen. Urban sog scharf die Luft ein. Das war nicht gut. Zwei der Leute am Tisch gehörten zu allem Überfluss zu seinem Trupp und damit zu den hartgesottensten. Wenn hier schon die Moral zu wünschen übrig ließ, musste schnell etwas passieren. Unter anderen Umständen wäre ein Probealarm mit anschließender erschöpfender Geländeübung gut oder wenigstens eine gemeinsame Kneipenprügelei. Die einzigen mit denen sie sich hier hätten schlagen können, waren die Jungs aus der Schiffscrew, aber die brauchten sie noch. Die Wissenschatftler und Techniker würden sich wohl nicht einmal wehren und an die beiden Kettenhunde wagte Urban auch nicht Hand anzulegen. Ihr Auftraggeber war ohnehin sakrosankt so gerne er diesem eingebildeten Schnösel auch die Halswirbel neu sortiert hätte. Dann blieb nur noch Bassey.
Urban schluckte den Rest seines Kaffees herunter, der nun bitter schmeckte und brachte sein Tablett zurück. In den Ablagefächern sah er viele Teller mit nur halb aufgegessenen Mahlzeiten. Garnicht gut. Er musste mit Pschorn und Thilo darüber reden.
Ein lautes Knirschen ließ ihn herumfahren. Er sah noch, wie die Tür zur Messe mit einem abschließenden Knall zu einem Viertel geöffnet zum Stocken kam.
“Diese verdammte Kiste fällt echt auseinander!“ rief jemand wütend durch den Spalt herein. Zwei Mann versuchten gemeinsam die Tür von Hand aufzuschieben, kamen jedoch nur wenige Zentimeter weit.
“Hey!“ Eine schwarze Hand erschien an der Türkante und die anderen verschwanden aus Urbans Sicht. Dann bewegte sich die stählerne Tür langsam aber stetig weiter. Bassey schob sie allein auf. Als er sein Werk weit genug vollbracht hatte, damit seine breiten Schultern hindurch passten, trat der Hüne ein. Die dunklen, kalten Augen richteten sich der Reihe nach auf alle, die noch bei ihrem Frühstück saßen und mit Erstaunen und Entsetzen den Blick erwiderten. Urban meinte, dass Bassey ihn für zwei zusätzliche Sekunden anstarrte. Eine Warnung, diesem Kraftpaket nicht zu nahe zu kommen. Auch die beiden Wachen, die nun wieder ihre Positionen zu beiden Seiten des Piraten einnahmen, hielten nun mehr Abstand als gewöhnlich.
Urban nahm sich vor, dem Schiffsarzt einen Besuch abzustatten. Er brauchte mehr als nur Waffen um Bassey ausschalten zu können. Eine langsam steigende Dosis irgendeines Betäubungsmittels wäre angemessen.

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