Kurzgeschichten

Das Land der roten Rosen – Teil XI: Herde

Zuletzt aktualisiert am 8. November 2012 von DarkISI

Die Panik war nicht mehr unter Kontrolle zu bringen und Pschorn kümmerte es auch nicht mehr. Andrewski hing ihr an den Fersen und ihm wiederum drei weitere aus dessen Team, denen sie durch Zufall auf ihrer Flucht begegnet sind. Für sie waren die Wissenschaftler nun nur noch potentieller Kugelfang. Oder das wären sie zumindest gewesen, wenn ihr Feind mit Kugeln um sich geschossen hätte. Aber die Leichen hatten offenbar nicht gelogen. Sie wurden nicht beschossen, weder mit Gewehren oder Autokanonen noch mit Lasern, Raketen oder anderen Waffen. Sie waren an halb zerrissenen Leibern vorbeigekommen und wie sie es schon nach ihrer Landung vorgefunden hatten, an Toten mit eingeschlagenen Schädeln. Sie hatte noch nie etwas dieser Art gesehen oder auch nur davon gehört. Der Angriff dauerte auch nicht fortwährend. Immer waren es kurze Attacken, zu schnell um einen Widerstand zu organisieren oder auch nur ihre Angreifer zu sehen. Wer es dennoch tat, lebte meist nicht lange genug um auch nur um Hilfe zu rufen.
Ihre Männer feuerten blind in die Finsternis der Nacht. Trupp Wolf hatte seinen Anführer verloren und sie war auf ihrer eigenen Flucht und vor allem auf der Suche nach einem Fluchtfahrzeug in Trupp Bär gelaufen zu dem, wie sie feststellen musste, sich Urban nicht eingefunden hatte. Sie befürchtete das Schlimmste für ihn. Ein Suchkommando, gleich für wen, kam nicht in Frage. Vor allem Schöffen würde sie keines hinterherschicken. Dieser hatte darauf gedrängt, noch einmal zum Laborgebäude zu gehen um irgendetwas dort abzuholen. Sie war froh, dass er schnell sagte, nur seine Leibwächter mitzunehmen und sie solle Andrewski evakuieren.
Nun versuchte sie, die Überlebenden von Wolf zu sammeln und mit Bär zu vereinen. Um sie herum rannten die Zivilisten, die keinen Platz auf einem der Wagen gefunden hatten, schreiend und weinend umher. Immer wieder kamen neue aus den Seitenstraßen hinzu. Dann sah sie vor sich Feuer aufsteigen. Zwei der ungepanzerten Fahrzeuge, mit denen die ersten Wissenschaftler und Techniker aufgebrochen waren, standen quer zur Straße und waren in Brand gesetzt worden. Der direkte Weg zum Landefeld war damit abgeschnitten.
Pschorn hörte Schreie von hinter sich. Irgendetwas schnappte einen ihrer Männer, der zurückgefallen war und zerrte diesen in eine der Seitengassen. Ein zweiter schickte eine Garbe aus seinem Sturmgewehr hinterher als plötzlich eine dunkle Gestalt, viel zu groß für einen Menschen, auf dem Söldner landete und mit wenigen Schritten wieder in den Schatten verschwand, wobei sie noch zwei Zivilisten mit schnellen Schlägen tötete.
“Welche Bestien wurden hier heraufbeschworen?“ murmelte Pschorn, doch ihre Worte gingen im Getrampel der Füße und den Schreien unter. In der Straße zu ihrer Linken war ebenfalls ein brennendes Fahrzeug verkeilt, somit drängte die gesamte Menge durch die verbliebene Gasse auf der gegenüberliegenden Seite. Bevor Pschorn und die übrigen Söldner eine Entscheidung treffen konnten wurden sie mitgerissen und gerieten in die nächste offensichtliche Todesfalle.
Ein Mann in Techniker-Overall krallte sich an ihr fest und rief irgendetwas, doch die Hysterie in seiner Stimme machte es unmöglich, ihn zu verstehen. Im nächsten Moment wurde er mit einem gewaltigen Ruck von ihr weggezerrt. Sie brauchte drei Sekunden bis sie realisierte, wie knapp sie gerade dem Tod entgangen war. Zwei ihrer Kameraden und der Techniker waren direkt neben ihr aus dem Leben gerissen worden. Alles, was sie im Schein der wild hin und her zuckenden Lichtkegel der Taschenlampen hatte erkennen können, war ein dunkelgrünes Ding mit zwei Armen und zwei Beinen. Eine riesige Pranke mit drei Fingern hatte den Kopf des Technikers gepackt und sie dabei nur knapp verfehlt.
Pschorn rannte. Sie rannte wie sie es noch nie in ihrem Leben getan hatte. Nicht im Krieg von 3039 und auch in keiner anderen gefährlichen Situation. Ihr Denken setzte aus und sie gehorchte nur noch ihren Instinkten, die jede Reserve ihres Körpers mobilisierten im Bestreben, ihr Überleben zu sichern. Sie registrierte nicht mehr, wie von einem benachbarten Häuserdach eine weitere dunkle Gestalt auf einem Flammenstrahl aufstieg und kurz darauf mitten unter den Flüchtenden landete. Ihre Füße führten sie in einem Bogen an den wild um sich schlagenden Armen vorbei, die etlichen Menschen mit brutaler Gewalt den Tod brachten. Ein Wissenschaftler aus Andrewskis Team wurde gepackt und in die Menge geschleudert, dabei wurde dem Mann der Arm ausgerissen.

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