Das Land der roten Rosen – Teil XVI: Gerettet

Schöffen stolperte und fiel schmerzhaft zu Boden. Irgendetwas schrammte ihm die Wange auf und seine Fingerknöchel brannten. Einen Moment lang fragte er sich, ob er überhaupt wieder würde aufstehen können oder ob irgendwelche Knochen gebrochen seien, doch da zog ihn Deutinger bereits wieder auf die Beine. Dennoch liefen sie nicht weiter. Schöffen war am Ende seiner Kräfte während sich sein Leibwächter zwar besser hielt, aber ebenfalls mehr von Erschöpfung als von irgendetwas anderem gezeichnet war. Sie hatten einen Umweg genommen und unterwegs auch keine anderen Menschen mehr getroffen. Auch den Angreifern waren sie so offenbar aus dem Weg gegangen. Dafür war dieser Pfad auch voller Stolperfallen und sie waren nicht so schnell voran gekommen wie sie es sich erhofft hatten.
“Es kann nicht mehr weit sein. Und sie sind noch nicht gestartet. Das hätten wir gehört“, sagte Deutinger stoßweise. Schöffen nickte nur und zweifelte, dass sein Leibwächter dies in der Dunkelheit überhaupt sehen konnte. Zum Sprechen fehlte ihm jedoch der Atem. Schüsse fielen. Irgendeine automatische Waffe. Bald darauf folgte das Kreischen von Raketen.
“Das kommt vom Landungsschiff“, meinte Deutinger und schaute in die Richtung, aus welcher der Lärm ertönte.
“Sie werden angegriffen. Wir müssen uns beeilen.“ Deutinger machte einen Schritt und bemerkte, dass Schöffen ihm nicht folgte. Dann tat Schöffen einen Schritt. Er hielt es nicht für vernünftig, ausgerechnet während eines Kampfes zum Schiff zu laufen, aber er wusste genauso gut, dass der Kapitän im Falle eines Angriffes vielleicht sofort starten würde und die Zeit knapp wurde. Schöffen schleppte sich mehr voran als dass er lief.
Als sie das gerodete Feld erreichten, auf dem das Landungsschiff stand, hatte sich auch das Feuer gelegt. Rauchschwaden zogen vor ihnen her. Deutinger machte fünf schnelle Schritte, ihr rettendes Ziel nun endlich direkt vor Augen, Schöffen schaffte zugleich nur einen einzigen.
“Los!“ brachte Schöffen japsend hervor.
“Gehen Sie voraus und sagen Sie denen, sie sollen auf mich warten!“ Deutinger begann, so schnell zu laufen, wie er noch konnte, Schöffen folgte ihm deutlich langsamer. Er war am Ende seiner Kräfte, doch nun wollte er nicht mehr aufgeben, wollte nicht zurück gelassen werden. Hunderte Menschen waren hier gestorben, doch er würde es schaffen. Er würde dieser Hölle entfliehen. Ein Schemen kam Deutinger vom Landungsschiff aus entgegen. Schöffens getrübter Blick befürchtete, es sei einer der Angreifer, aber dann erkannte er, dass es doch nur ein Mensch war, offenbar einer der Söldner, ein Gewehr haltend. Deutinger und der Söldner gestikulierten, dann kam der Söldner auf Schöffen zugerannt.
In diesem Moment ertönte ein einzelner Schuss. Schöffen reagierte nicht, sondern ging mechanisch weiter, einen Fuß vor den anderen setzend. Deutinger und der Söldner dagegen hatten sich fallen gelassen. Kurz darauf ein weiterer Schuss und ein Schmerzensschrei. Wieder ein Schuss, doch ohne Reaktion. Noch ein Schritt nach vorne, weiter, auf das Schiff zu. Das Schiff, das ihn fort von hier bringen würde. Fort, nur noch fort von diesem verfluchten Planeten. Zwei schnelle Schüsse, wilde Rufe der Söldner. Einer von ihnen stand auf und feuerte mit seinem Gewehr wild in die Gegend. Mit dem nächsten Schuss ging auch dieser zu Boden.
Nach einigen Momenten der Stille machte Schöffen eine Bewegung seitlich von ihm aus. Ein Mann rannte auf die Laderampe der Kap Arkona zu. Als dieser in das gedämpfte Licht trat, das aus dem Schiffsinnern hinaus gelangte, erkannte Schöffen ihn und blieb abrupt stehen. Leuterbach. Sein zweiter Leibwächter, der ihm in der Station den Koffer gestohlen und damit geflohen war. Diesen Koffer hatte er sich unter einen Arm geklemmt und hielt mit der anderen Hand eine Maschinenpistole. Am Fuß der Rampe angekommen drehte sich Leuterbach um. Er erblickte Schöffen, der, wie er nun erst bemerkte, inzwischen ebenfalls vom Licht aus dem Schiff beleuchtet wurde. Sein weißes Hemd musste gegen den dunklen Hintergrund gut auszumachen sein. Leuterbach hob seine Waffe und riss sie dann plötzlich zur Seite. Eine dunkle Gestalt, sicherlich drei Meter groß, stürzte sich auf den Mann und zermalmte ihn regelrecht. Schöffen sah zum ersten Mal einen der Angreifer in mehr als nur dem Licht von Feuerschein. Und er erkannte, dass es eine Maschine war. Irgendeine Gerätschaft, die sehr nach menschlichem Machwerk aussah, auch wenn er etwas in dieser Art noch nie gesehen hatte. Waffentreffer hatten die Panzerung beschädigt, was diese Apparatur noch martialischer wirken ließ.
Leuterbach rührte sich nicht mehr, sein erschlaffter Leib lag vor der Laderampe. Die Maschine wandte sich nun Schöffen zu. Er konnte nichts mehr tun. Er war unbewafffnet und es war niemand da, der ihm helfen konnte. Leuterbach hatte Deutinger und die Söldner erschossen und Schöffen so jeden Schutz genommen. Die Maschine rannte los. Nach wenigen Schritten zündeten die Sprungdüsen und hoben sie in die Luft. Ein Donnerschlag ertönte und Schöffen fand sich nach einem Augenblick der Orientierungslosigkeit auf dem Boden liegend wieder. Die Maschine lag nur zehn Meter von ihm entfernt, zur Unkenntlichkeit entstellt. Das Nachbild eines grellen Lichtblitzes tanzte vor Schöffens Augen und ließ ihn nicht klar sehen. Er brauchte noch einige Sekunden bis er begriff, dass es eine der Partikelkanonen des Landungsschiffs gewesen sein musste, die den Angreifer getroffen und ausgeschaltet hatte. Zum zweiten Mal innerhalb einer Minute war er so knapp vor dem sicheren Tod gerettet worden.
Mühsam rappelte er sich auf und stolperte auf die Laderampe zu. Er rief, schrie so laut er nur konnte, dass sie auf ihn warten sollten. Er konnte nicht einmal mehr den Kopf heben, sein Blick verschleierte sich, doch dann spürte er nicht mehr den weichen Boden sondern harten Stahl unter sich. Er hatte es geschafft, er war auf der Rampe. Nur noch wenige Schritte. Auch wenn er unmittelbar hinter der gelb-schwarz gestreiften Linie zusammenbrach, die den Bereich markierte, in dem sich die Laderampe bewegte, und diese noch immer weit offen stand, so fühlte er sich mit einem Mal schon so sicher und geborgen wie in einer Kinderwiege.

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